Normalität & Kritik. http://motmw.blogsport.de Fri, 10 Jan 2014 11:59:25 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en „Kommen zwei Schwule in eine Bar …“ http://motmw.blogsport.de/2013/04/11/kommen-zwei-schwule-in-eine-bar/ http://motmw.blogsport.de/2013/04/11/kommen-zwei-schwule-in-eine-bar/#comments Thu, 11 Apr 2013 11:30:30 +0000 Administrator politics ten german bombers.. http://motmw.blogsport.de/2013/04/11/kommen-zwei-schwule-in-eine-bar/
- Halt die Fresse!

Schwulenwitze sind nicht lustig. Das liegt nicht etwa daran, dass irgendwelche Gutmenschen willkürlich beschlossen haben, lustigen schwarzen Humor, der nun mal vor nichts Respekt hat, schlecht zu machen. Vielmehr hat es damit zu tun, dass sie deutlich mehr sind, als nur rücksichtslose Witze. Dasselbe gilt für ähnlich geartete Beleidigungen.

1. # Du behindertes Arschloch! #
„Warum ist es nicht einfach egal, wie ich Menschen bezeichne, die ich nicht mag?
Ich beleidige niemanden damit, außer die, die ich auch meine.“

Das liegt an dem Schema, nach dem alle wertenden Aussagen, die wir treffen, also auch Beleidigungen, aufgebaut sind.
Wertende Aussagen über Menschen, Dinge und Situationen erfolgen grundsätzlich durch die Zuschreibung von Attributen, die, je nach Wunsch, entweder positiv, oder negativ behaftet sind.
Menschen, die man beleidigen will, bezeichnet man mit Begriffen, die im Kontext des jeweiligen Umfeldes und der gesamten Gesellschaft als abwertend empfunden werden. Alles andere würde keinen Sinn machen, da die Wirkung der Beleidigung verpuffen würde.
Das hat neben der ersten, offensichtlichsten und natürlich erwünschten Auswirkung, nämlich, dass die betroffene Person sich beleidigt fühlt, auch noch andere.
Sprache und Kommunikation sind komplexe Angelegenheiten, die nie aus nur einer, sondern immer aus mindestens zwei, eher drei Ebenen bestehen.
(1) Das direkt Gesagte: a ist x.
(2) Die Intention – also die Absicht – und die zugrundegelegten Annahmen hinter dem Ausgedrückten:
Es wird eine als negativ empfundende Bezeichnung für a gesucht, die in x gefunden wird.
a soll durch x als „schlecht“ bezeichnet werden. Die stattfindendende Gleichsetzung zwischen
„schlecht“ und x führt zur dritten Ebene der Aussage:
(3) x ist „schlecht“.

In der Realität stehen hinter den verschiedenen Zuschreibungen, die wir mit x bezeichnen, meistens gesellschaftliche Gruppen von geringem Ansehen. Unliebsame Menschen oder Dinge werden beispielsweise als „schwul“, „behindert“, „asozial“, „spastisch“ oder „krank“ bezeichnet.

„Warum ist es problematisch, wenn ich solche Begriffe, die nun mal als Beleidigungen gelten, als solche benutze?“
Begriffe, wie die oben aufgeführten, sind nur beispielhaft genannt. Es existieren viele weitere, die auf dieselbe Weise wirken.
Jedes Mal, wenn wir sie benutzen, treffen wir, wie oben erklärt, neben Aussage (1) auch Aussage (3).
Am konkreten Beispiel betrachtet:
- „Gerhard ist echt behindert.“
beinhaltet aufgrund der offensichtlichen Absicht, Gerhard durch das Attribut behindert abzuwerten, immer auch
- „Wer behindert ist, ist scheiße.“

„In Ordnung. Wenn ich das so mache, dann sage ich mehr, als ich eigentlich sagen will. Aber das hat doch keine konkreten Auswirkungen und gegen Behinderte, Homosexuelle oder wen auch immer habe ich auch gar nichts. Wo ist das Problem dabei?“
Es handelt sich, wie oben schon gesagt, grundsätzlich um Gruppen, deren gesellschaftliches Ansehen gering ist. Nun ist es in der Realität so, dass dieses geringe Ansehen für die betroffenen Gruppen durchaus handfeste Auswirkungen hat. Sie sind – ganz abgesehen von direkten körperlichen Übergriffen, die regelmäßig stattfinden – täglich mit dem Bewusstsein konfrontiert, auf den unteren Stufen der gesellschaftlichen Achtungshierarchie zu stehen.
Durch Gebrauch der sie bezeichnenden Begriffe in Form von Nutzung zur Abwertung anderer transportieren wir ganz praktisch konkrete gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen täglich in unseren Aussagen und helfen so, ihr Bestehen zu zementieren. Wir nehmen also, indem wir uns so äußern, zumindest indirekt Einfluss auf die gesellschaftliche Situation beispielsweise Homosexueller, indem wir dazu beitragen, dass ihre Betrachtung als negativ, ihre Stellung in der Gesellschaft strukturell – und damit auch lebenspraktisch – bestehen bleibt. Dadurch, dass wir negative Stereotypen im Kleinen als festen Bestandteil unserer Kommunikation begreifen, sorgen wir dafür, dass gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen im Großen bestehen bleiben.
Wir nehmen für uns in Anspruch, dass es nicht vollkommen gleichgültig ist, was wir von uns geben. Daraus folgt auch, dass wir für die Dinge, die wir äußern, Verantwortung tragen müssen. Sich grundsätzlich mit „Ja, ich weiß. Aber ich habe ja auch gar nichts gegen x und es schadet ja jetzt niemand, wenn ich das so sage herauszureden, ist zu einfach.

2. # Treffen sich drei Schwule … #
„Was soll denn die Aufregung jetzt schon wieder, das war doch nur ein Witz! Wer keinen Sinn für schwarzen Humor hat, darf halt nicht zuhören.“
Genau wie andere Arten von Aussagen, sind auch Witze gut dazu geeignet, gesellschaftliche Stereotypen zu transportieren oder historisches und bestehendes Elend zu verharmlosen.
Witze, die beispielsweise auf Kosten Homosexueller gemacht werden, wie auch solche über Sinti & Roma, kranke oder behinderte Menschen und andere, tragen auf dieselbe Weise zur Zementierung des gesellschaftlichen Bildes dieser Gruppen – und damit zu ihrer Stellung und Situation – bei, wie Beleidigungen, denen sie als Komponente x dienen.
Sie greifen bestehende Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschaft auf. In Hinsicht auf die Struktur so gearteter Witze ist es nicht möglich, eine Pointe zu bilden, die nicht auf negativen Eigenschaften fußt, die einer beliebigen gesellschaftlichen Gruppe zugeschrieben werden. Das scheint nicht unbedingt problematisch, wenn diese Zuschreibung von Eigenschaften nicht auch in der Realität stattfindet und für die betroffene Gruppe somit keine negativen Auswirkungen hat. Witze über männliche, weiße, heterosexuelle Europäer stellen in der Theorie für diese kaum eine Gefahr dar, da nicht davon auszugehen ist, dass ihre gesellschaftliche Position in Gefahr ist. Sie sind keine Minderheit, sehen sich keinen relevanten Nachteilen und Problemen aufgrund ihnen zugeschriebener Eigenschaften ausgesetzt und können durch Alltägliches, wie Witze, wenig Schaden nehmen. So geartete Witze sind in der Praxis allerdings rar gesäht. Problematisch wird es, wenn es sich um Gesellschaftsgruppen handelt, bei denen diese Zuschreibung von Eigenschaften auch in der Realität stattfindet und für sie zu Schaden führt. Witze dieser Art existieren wie Sand am Meer. Sie sind schnell erdacht und führen zielsicher zum Lacherfolg.
Die Begründung hierfür ist einfach: Sie beziehen sich auf Stereotypen, die in der Gesellschaft verankert und damit allgegenwärtig und allen bekannt sind.
Die hier bestehende Wechselwirkung ist dieselbe, wie im oben behandelten Bereich der Beleidigungen:
Die aufgegriffenen Stereotypen werden durch ihren Weitertransport im gebräuchlichen Humor gefestigt und im Bewusstsein verankert.
Aus diesem Grund sind solche Witze nichts anderes, als auf die gleiche Art und Weise funktionierende Beleidigungen. Ihr Ursprung und ihre Daseinsberechtigung sind die bestehenden gesellschaftlichen Schemata.

3. # Also? #
Es ist verhältnismäßig einfach, sich bewusst zu machen, was in unseren alltäglichen Aussagen sogut wie immer mitschwingt, nämlich Wertungen.
Wenn man für sich der Meinung ist, niemand zu sein, der ein Problem mit beispielsweise Homosexuellen, Sinti & Roma, behinderten Menschen und vielen Anderen, die als Abwertungsinstrument etc. im gängigen Sprachgebrauch missbraucht werden, hat, ist es ohne weiteres möglich, im Bereich der eigenen Aussagen ein Minimum an Verantwortung zu übernehmen und darauf zu achten, dazu nicht weiter beizutragen.
Wenn man für sich der Meinung ist, dass diese Abwertung und die damit verbundenen Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschaftspraxis gut und richtig sind, ändert unter dem Label Political correctness zwanghaft neutral gehaltene Ausdrucksweise daran wenig.
Leute, denen es so geht, hätten sich aber schon viel früher von diesem Blog verpissen sollen.

Zur Klärung:
Es ging hier weder um hochtheoretische sprachphilosophische Gedanken, noch um tiefgehende Humorkritik nach Adorno oder ähnliches.
Genausowenig handelt es sich um die Forderung, Konzepten in Richtung Political correctness o.ä. mehr Beachtung zu schenken.
Ziel war vielmehr, auf so einfache und verständliche Art und Weise, wie möglich und in Form eines Textes, dessen Länge ihn nicht von vornherein für viele disqualifiziert, Grundsätze des Themenbereichs Sprachgebrauch zu vermitteln.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2013/04/11/kommen-zwei-schwule-in-eine-bar/feed/
Bomber Harris? http://motmw.blogsport.de/2013/04/08/bomber-harris/ http://motmw.blogsport.de/2013/04/08/bomber-harris/#comments Mon, 08 Apr 2013 17:16:16 +0000 Administrator politics pictures ten german bombers.. http://motmw.blogsport.de/2013/04/08/bomber-harris/

Im Rahmen der Ausstellung Die ganze Wahrheit – was Sie schon immer über Juden wissen wollten zu sehen im Jüdischen Museum Berlin.
Von Anfang an Teil der Ausstellung waren nur die Behälter. Gefüllt mit den Chips, die ebenfalls zur Verfügung gestellt werden, werden sie nach und nach von Besuchern frei nach deren Belieben.
Mehr bleibt nicht zu sagen.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2013/04/08/bomber-harris/feed/
QT. http://motmw.blogsport.de/2013/01/10/qt/ http://motmw.blogsport.de/2013/01/10/qt/#comments Thu, 10 Jan 2013 16:04:19 +0000 Administrator politics quotations ten german bombers.. http://motmw.blogsport.de/2013/01/10/qt/ „Amerika ist für zwei Holocausts in seinem Land verantwortlich: Für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern in der Zeit des Sklavenhandels […] das wird ihnen als Deutsche seltsam vorkommen. Sie sind alle gezwungen worden, sich bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder mit der Schuld ihres Volkes auseinanderzusetzen. Den Amerikanern ist es gelungen, irgendwie darüber hinwegzugleiten.“ (1)

Bei der Premiere seines neuen Films Django Unchained in Berlin beantwortete Regisseur Quentin Tarantino mit diesen Worten die Frage, ob und in welcher Form Parallelen zwischen Django Unchained und einem seiner älteren Filme, Inglorious Basterds, bestehen.
Es ergibt sich die Frage – wenn überhaupt, in den Medien bisher allerdings nur in Form der Vorhersage eines gewaltigen, aber vollkommen ungerechtfertigten Shitstorms, der Tarantino nun erwartet, formuliert – ob und wenn ja, warum, der Inhalt dieser Aussage kritikwürdig ist.

Wie fällt also die öffentliche Rezension dieser Äußerung Tarantinos aus?
Wie bei zahlreichen anderen Gelegenheiten (in jüngerer Vergangenheit bieten sich vorallem Günter Grass und Jakob Augstein an), ist die Bereitschaft in der deutschen Gesellschaft, derartige Aussagen mit allem Mitteln zu verharmlosen, zu verteidigen und ihre Kritiker zu denunzieren, enorm.
Die Argumentationsstruktur ist hierbei stets dieselbe.
Man sagt voraus, dass der für die Aussage verantwortlichen Person die Ächtung und Diffamierung als Antisemit bevorsteht, solidarisiert sich vor diesem Hintergrund mit der Person und prangert vorsorglich das Schwingen der Antisemitismus-Keule an, das man völlig selbständig herbeihalluziniert. Die Leute, die als erste von Antisemitismus sprechen, sind im seltesten Falle die, die diesen attestieren und kritisieren wollen. Im Normalfall sind es diejenigen, die klarstellen wollen, dass er in keinster Weise eine Rolle spielen kann.
Wie die jeweilige darauf fußende Argumentation im Weiteren aussieht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Häufig wird – in der Regel referenzlos – betont, dass die betroffene Person ein ausgewiesener Freund Israels und aller Juden sei (zwischen Israel und aller Juden wird hierbei in der Regel fälschlicherweise nicht unterschieden).
Manchmal weist man darauf hin, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffs Antisemitismus ebendiesen stärke (die Perfidie dieses Arguments ist an anderer Stelle ausführlich dargestellt).
In selteneren Fällen wird die Person zum Opfer einer – im besten Nazijargon benannten – Holocaust-Industrie erklärt, wenn sie sich durch die betroffene Aussage Kritik einhandelt. Man solidarisiert sich hier nicht nur mit Aussage und Person, sondern unterstellt gleichzeitig mehrere Punkte:
Zum einen die Existenz einer wirtschaftlichen Clique, die vom Gedenken an die Shoa profitiert, dieses deshalb logischerweise fördert und alles mit Schmutz bewirft, was ihren wirtschaftlichen Interessen zuwiderlaufen könnte, zum anderen einen extrem hohen Einfluss dieser Clique, der sich über Presse, Politik und öffentliche Meinung erstreckt.
Vorstellungen einer jüdischen Weltmacht gehören zum absoluten Grundrepertoire sämtlicher Spielarten des Antisemitismus, ihre Äußerung gleicht gewissermaßen einem Offenbarungseid.

Wie ist das Gesagte auf rationaler Ebene zu betrachten?
Quentin Tarantino machte bisher ausschließlich durch die Schaffung von Filmen, die sämtlich dem Bereich des Trashfilm zuzuordnen sind, auf sich aufmerksam. Er ist kein sonderlich talentierter öffentlicher Redner und konnte in der Vergangenheit nie durch qualifizierte politische Äußerungen glänzen. Was ihn dazu bringt, ausgerechnet bei diesem Thema und diesem Film als – in welcher Form auch immer – politisch motiviert aufzutreten, ist unklar und der Fall unglücklich.
Dennoch ist das Geäußerte als das zu behandeln, was es ist, nämlich höchst unreflektiert und falsch.
Zu konstatieren, dass „Amerika […] für zwei Holocausts verantwortlich“ ist, impliziert eine weit größere Schuld Amerikas, als die Deutschlands, das schließlich nur eine Shoa zu verantworten hat, überhaupt sein kann.
Die Ereignisse, von denen er spricht, sind einer Besprechung absolut würdig und keinesfalls zu verharmlosen.
Sie sind aber – und das ist in Hinsicht auf seine Aussage entscheidend – nicht in gleichstellende Relation mit der Shoa zu setzen. Beiden, sowohl dem Mord an und der Vertreibung von Indianern in Nordamerika, noch der Gesamtheit der Sklaverei in allen Ausprägungen, fehlt das Grundsätzliche des Holocaust, die Motivation des Mordens durch das Morden selbst, das Element des Tötens als Selbstzweck und seine industrielle, systematisch durchgeplante Ausführung.
Der Antisemitismus in seiner ganzen Komplexität und der eliminatorische Antisemitismus des Dritten Reichs im Speziellen finden in beiden Fällen – wie in der gesamten Geschichte – kein Pendant. Zusätzlich zu nackten Zahlen und Fakten und historisch unübertroffener systematischer Grausamkeit bedingt dies die historische Singularität der Shoa, die durch Aussagen wie die Tarantinos faktisch geleugnet wird.
Die in Weiteren folgende Behauptung, dass die Auseinandersetzung mit der Shoa in Deutschland gezwungenerweise – hier stellt sich die Frage, wer diesen Zwang ausübt – bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder stattfindet und -fand, ist nicht nur völlig falsch, sondern zeichnet ein klares Bild: Nicht reflektierenden, gedenkenden, schuldbewussten Amerikanern gegenüber stehen fast schon zu aufgeklärte Deutsche, deren – von scheinbar interessierten Kreisen oktruierter – Umgang mit der Vergangenheit ein leuchtendes Vorbild darstellt, gegenüber.
Man fühlt sich erinnert an verschiedene dementsprechende Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin:

„[…] ein Mahnmal, wo man gerne hingeht.“ (Altbundeskanzler Gerhard Schröder sagt, was er sich wünscht)
„Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ (Historiker Eberhard Jäckel beschreibt das Ergebnis)

Diesem deutschen Selbstverständnis, das Gedenken und -kultur längst als äußerst brauchbar im Vergleich mit anderen Nationen erkannt hat und sich so im Endeffekt, wie Jäckel ohne Umschweife ausspricht, mehr oder weniger glücklich schätzt, das Grauen der Shoa auf seiner Seite im Kampf um das Gedenken zu wissen, spielt Tarantino auf seinem neu entdeckten Weg zum Pop-Politologen direkt in die Hände. Er liefert den ohnehin hochgradig antiamerikanisch eingestellten Deutschen neues, brauchbares Material im kulturellen, pseudopolitischen und moralischen Kampf gegen die USA. Im Gegensatz zu den meisten seiner deutschen Gesinnungsgenossen hat er – was seine Aussagen umso wertvoller macht – keinerlei Scheu, ganz offen in einem Atemzug die Worte Holocaust, Amerika und zwei zu nennen. Nicht länger kann sich die moralische Überlegenheit der deutschen Gesellschaft nur auf die Gegenwart beziehen, während sie sich das dunkle Kapitel des deutschen Judenmordes nur durch exzessives Hinweisen auf die längst geschehene Läuterung zunutze machen kann. Tarantino schafft – sicherlich völlig ohne entsprechende Absicht – eine Möglichkeit, die Shoa als einziges deutsches Verbrechen den – direkt dagegengestellten – zwei gleichwertigen amerikanischen gegenüber erträglich erscheinen zu lassen.

Ihm ist wohl kaum zu unterstellen, dass das seine Absicht war. Filme in der Art derer Quentin Tarantinos brauchen, um überhaupt zu funktionieren, klare Schemata, innerhalb derer weder differenziert, noch abgestuft werden kann. Adolf Hitler in Inglorious Basterds bleibt schlicht nichts anderes übrig, als in der selben Liga zu spielen, wie Sklavenhalter in Django Unchained. Tarantinos Filme brauchen personalisierte Bösewichte, damit das stattfinden kann, was die Filme ausmacht: Die blutrünstige Inszenierung ihrer Bekämpfung.
Scheinbar war schlicht und einfach etwas notwendig, was bei all seinen vorhergegangen Filmen vollkommen unnötig und glücklicherweise nicht vorhanden war:
Eine politische Erklärung für stundenlang zelebrierte, völlig ausufernde Gewalt. Dass diese in all ihrer Unnötigkeit derart schlecht gewählt wurde, ist schade.

(1)

]]>
http://motmw.blogsport.de/2013/01/10/qt/feed/
Alltagsfragen – I. http://motmw.blogsport.de/2012/12/05/alltagsfragen-i/ http://motmw.blogsport.de/2012/12/05/alltagsfragen-i/#comments Wed, 05 Dec 2012 15:41:07 +0000 Administrator Allgemein http://motmw.blogsport.de/2012/12/05/alltagsfragen-i/ Ist die Hamas grundsätzlich antisemitisch motiviert?

2:
Die Islamische Widerstandsbewegung ist ein Flügel der Muslimbrüder in Palästina.
[…]
6:
Die Islamische Widerstandsbewegung ist eine […] Bewegung, […] die dafür kämpft, dass das Banner Allahs über jeden Zentimeter von Palästina aufgepflanzt wird.
[…]
7:
Hamas ist eines der Glieder in der Kette des Djihad, die sich der zionistischen Invasion entgegenstellt. Dieser Djihad verbindet sich mit dem Impuls des Märtyrers Izz a-din al-Quassam und seinen Brüdern in der Muslimbruderschaft, die den Heiligen Krieg von 1936 führten; er ist darüberhinaus […] mit dem Djihad der Muslimbrüder während des Kriegs von 1948 verbunden, wie auch mit den Djihad-Operationen der Muslimbrüder von 1968 und danach. […]
Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten, bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und töte ihn!
[…]
13:
Ansätze zum Frieden, die sogenannten friedlichen Lösungen und die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästinafrage stehen sämtlichst im Widerspruch zu den Auffassungen der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn auf irgendeinen Teil Palästinas zu verzichten bedeutet, auf einen Teil der Religion zu verzichten; der Nationalismus der Islamischen Widerstandsbewegung ist Bestandteil ihres Glaubens. […] Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Djihad. Die Initiativen, Vorschläge und Internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung und eine Praxis der Sinnlosigkeit.
[…]
21:
Die Feinde häuften […] einen riesigen und einflussreichen materiellen Wohlstand an, der sie in die Lage versetzte, ihren Traum umzusetzen. Dieser Reichtum erlaubte es ihnen, die Kontrolle über die Weltmedien wie zum Beispiel Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Verlagshäuser, TV-Sender und weitere Dinge dieser Art zu übernehmen. Sie nutzten diesen Reichtum ebenfalls aus, um Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt anzustacheln, um ihre Interessen zur realisieren und die Früchte zu ernten. Sie standen hinter der Französischen Revolution und hinter den kommunistischen Revolutionen und den meisten Revolutionen, von denen man hier und da hört. […] Sie nutzten das Geld ebenfalls dazu, die Macht über die imperialistischen Länder zu gewinnen und sie dazu zu bringen, viele Länder zu kolonisieren, um die Reichtümer dieser Länder auszubeuten sowie ihre Korruption dorthin zu verbreiten.
Hinsichtlich der regionalen und weltweiten Kriege ist es zweifellos soweit gekommen, dass die Feinde hinter dem I. Weltkrieg standen um so das Islamische Kalifat auszulöschen. Sie sammelten materielle Ressourcen und übernahmen die Kontrolle über zahlreiche Quellen des Wohlstands. Sie erreichten die Balfour-Erklärung und etablierten den Völkerbund, um mit den Mitteln dieser Organisation über die Welt zu herrschen.
Sie standen ebenfalls hinter dem II. Weltkrieg, in dem sie immense Vorteile aus dem Handel mit Kriegsausrüstungen zogen und die Etablierung des Staates Israel vorbereiteten. Sie inspirierten die Errichtung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrats, um den Völkerbund zu ersetzen und die Welt mithilfe ihrer Mittelsmänner zu beherrschen. Es gab keinen Krieg, an welchem Ort auch immer, der nicht ihre Fingerabdrücke trägt.
[…]
28:
[…] z..B. die Freimaurer, die Rotary Clubs, Lions und andere. All diese Geheimorganisationen, von denen einige auch offen arbeiten, agieren für die Interessen des Zionismus und wollen unter dessen Anleitung die Gesellschaften zerstören, Werte vernichten, Verantwortlichkeiten ausschalten, Tugenden ins Schwanken bringen und den Islam auslöschen. Sie steht hinter der Verbreitung von Drogen und Giften aller Art, die ihr Machtausübung und Machtausdehnung erleichtern sollen.
[…]
32:
[…]Erst dann, wenn sie komplett die Gegend verdaut haben, auf die sie ihre Finger gelegt haben, werden sie zu noch mehr Expansion voranschreiten und so weiter. Ihr Komplott wurde in den Protokollen der Weisen von Zion niedergelegt: Ihre derzeitiges Verhalten ist der bester Beweis für das, was dort gesagt wurde.
[…]
Wie haben keine andere Wahl als alle Kräfte und Energien zu vereinen, um dieser verabscheuungswürdigen Nazi-Tataren-Invasion gegenüberzutreten. Andernfalls werden wir den Verlust unserer Länder erleben, die Entwurzelung ihrer Bewohner, die Ausbreitung von Korruption über den Erdball und die Zerstörung aller religiösen Werte.
[…]
Im Rahmen der Kampfarena mit dem Weltzionismus betrachtet sich die Hamas als Speerspitze und Avantgarde.
[…]
um die nächste Runde im Kampf gegen die Juden, die Händler des Krieges, möglich zu machen.
[…]

Wir lassen sie ganz einfach selbst sprechen, indem wir ihr Grundsatzprogramm betrachten.
Die eindeutige Antwort ist: Ja.

(1) Gründungscharta der Hamas in Auszügen

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/12/05/alltagsfragen-i/feed/
Hamas, Hisbollah, Butler & ‚die globale Linke‘ http://motmw.blogsport.de/2012/10/02/hamas-hisbollah-butler/ http://motmw.blogsport.de/2012/10/02/hamas-hisbollah-butler/#comments Tue, 02 Oct 2012 16:58:55 +0000 Administrator politics quotations http://motmw.blogsport.de/2012/10/02/hamas-hisbollah-butler/

„Ich glaube, es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als soziale, progressive Bewegungen zu verstehen, die zur Linken gehören, die Teil der globalen Linken sind.“ (1)

Dieses Zitat, das nicht etwa, wie anzunehmen, aus einer Schrift Palästina-solidarischer Antiimperialisten stammt, sorgte vor einiger Zeit für einigen Tumult.
Zuzuschreiben ist es Judith Butler, diskutiert wurde es vorallem im Vorfeld der Verleihung des diesjährigen Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt an diese.

Judith Butler gilt allgemein als bedeutende Philosophin dieser Zeit, ist unter anderem befasst mit Queer-Theorie, Feminismus, Geschlechterrollen und engagiert gegen Homophobie. Soweit, sogut.
Ebenso engagiert ist Butler allerdings unter anderem bei der Initiative ‚Boycott, Divestment & Sanctions‘ (‚BDS‘), einer Kampagne, die sich den internationalen Boykott israelischer Güter und verschiedene andere, als Sanktionen bezeichnete, anti-israelische Aktionen zur Aufgabe gemacht hat.
Schon hier lässt sich leicht erkennen, mit welchen Augen Judith Butler auf die Situation im Nahen Osten schaut. Sie sieht Israel als imperialistische Besatzungsmacht. Selbstverständlich ist sie – genauso wie ‚BDS‘ – in keinster Weise antisemitisch motiviert. Man begreift sich als antizionistisch, ist damit harmlos und in weiten Teilen der Gesellschaft und vorallem der benannten ‚globalen Linken‘ voll akzeptiert.

Nun ist es vor diesem Hintergrund sehr interessant, Butlers Aussage zu Hamas und Hisbollah genauer zu betrachten und zu analysieren, was ihre Aussage im Endeffekt bedeutet.
Wie von ihr selbst in einer späteren Stellungnahme gesagt, beinhaltet eine solche Zuordnung (im Zitat werden Hamas und Hisbollah der ‚globalen Linken‘ zugeordnet) als erstes eine Festlegung von Kriterien, die die Zuordnung rechtfertigen und bestimmen.
Was also sind die Kriterien, die Hamas und Hisbollah zu Teilen der globalen Linken machen?
Es bestehen wenige Übereinstimmungen zwischen den beiden Gruppierungen und – logischerweise als Vergleichsobjekt gewählt – Judith Butler, obwohl ihrer Aussage nach beide als Teil der Linken zu begreifen sind. Auf der einen Seite die moderne Philosophin, engagiert im Kampf gegen Homophobie und für die Gleichstellung Homosexueller, auf der anderen Seite die männlichen, fanatisch religiös motivierten Kampfgruppen, deren Weltbild zufolge Butlers Engagement gegen Homophobie allein schon Grund genug zur Steinigung wäre. Auf der einen Seite die Ethik der Gewaltlosigkeit, auf der anderen Seite der paramilitärische Kampf aus reinem Vernichtungswillen.
Was also kann Kriterium für die Zuordnung solch rückschrittlich orientierter Zusammenschlüsse zur globalen Linken, für ihre Einstufung als progressiv und sozial, sein?

Einziges gemeinsames Merkmal von Judith Butler, Hamas und Hisbollah ist der – natürlich auf höchst unterschiedliche Art und Weise geführte – Kampf gegen Israel,
was nun bedeuten muss, dass die – sicherlich reflektierte und sprachgewandte – Philosophin Butler die Zuordnung von (Kampf-)Gruppen zum Feld der globalen Linken nach dem alleinstehenden Kriterium der Abneigung gegen Israel vornimmt.
Ist simpler Judenhass ausreichend, um von der ‚globalen Linken‘ unter die Fittiche genommen zu werden? Für Judith Butler definitiv ja.

Selbstverständlich fanden verschiedene Gruppierungen und Personen zu Kritik an der – oben erwähnten – Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an Butler.
Nichtsdestotrotz wurde ihr der Preis verliehen. Sie selbst äußerte sich an verschiedener Stelle zu der geübten Kritik.
Am Beispiel ihrer Stellungnahme in der taz
wird schnell deutlich, dass die Dimension und Ebene der Kritik ihr unverständlich bleibt:

„Ich verstehe, woher die Vorbehalte kommen. Wenn wir sagen, eine Gruppe „gehört“ zur globalen Linken, dann verwenden wir zweifellos Kriterien, um die Bedingungen von Zugehörigkeit zu definieren. Daraus ergibt sich die Frage, welche Kriterien habe ich verwendet? Habe ich gesagt, dass Antiimperialismus als Voraussetzung ausreicht, um der globalen Linken zuzugehören?
[…]
Ich bin überzeugt davon, dass Kritik an meiner Äußerung von der Annahme herrührt, ich hätte gesagt, Antiimperialismus sei als Voraussetzung ausreichend, um der globalen Linken anzugehören.
[…]
Niemals könnte ich ein Bündnis mit einer egal welcher Person oder Gruppe eingehen, die antisemitisch, gewalttätig, rassistisch, homophob oder sexistisch ist.
[…]
Dennoch: Warum habe ich die Frage beantwortet? An diesem Abend, an dem Bomben auf Südlibanon fielen, machte ich mich in meiner Rede für Gewaltfreiheit stark (diesen Teil sieht man im Yahoo-Clip bequemerweise nicht). Just als ich die staatliche, von Israel ausgehende Gewalt kritisierte, wies ich darauf hin, dass auch die Bewegungen, welche die Selbstbestimmung der Palästinenser unterstützen, gut beraten wären, ebenfalls auf gewaltfreien Widerstand und gewaltfreie Mobilisierung zu setzen.“

Was Judith Butler offensichtlich verborgen bleibt, ist die einfache Tatsache, dass die an ihr geäußerte Kritik sich – zumindest in Großteilen – nicht durch die Gewalttätigkeit von Hamas & Hisbollah speist. Sie setzt mit ihrer ‚Antwort‘ eine Ebene zu niedrig an, sieht nicht die Möglichkeit, dass die Kritik grundsätzlicherer Form ist. Sie sieht nicht, dass die Kritik sich nicht auf die Aktionsformen von Hamas & Hisbollah, sondern auf deren zerstörungswütigen Hass auf Israel, ihren Antisemitismus (von ihr schamlos als Antiimperialismus bezeichnet) bezieht, der ihr selbst nach wie vor kein Kopfzerbrechen zu bereiten scheint – im Gegenteil: Sie nennt sie progressiv. Sie scheut sich nicht, die beiden Gruppen als links zu bezeichnen, was viel über die heutige Verfassung der von ihr so mantrahaft bemühten globalen Linken aussagt.
Ihr scheint schleierhaft zu sein, dass ihre Unterstützung von Boycott, Divestment and Sanctions im Zusammenhang mit dieser Aussage ein relativ klares Bild formt, dass Anlass zu Kritik und zu der Forderung ihr diesen – ausgerechnet nach Theodor W. Adorno benannten – Preis zu verwehren gibt.
Was für sie links ist, was für große Teile der globalen Linken links ist, hält sich längst nichtmehr mit der Frage auf, ob Israel zu bekämpfen ist – man (hier Judith Butler) beschäftigt sich längst nur noch mit dem wie.
Folgerichtig kommt sie nicht auf die Idee, dass es problematisch sein könnte, israelfeindliche Gruppen als links zu bezeichnen. Gewaltbereite Gruppen, ja. Sie distanziert sich. Von der Gewaltbereitschaft. Homophobe Gruppen, ja. Sie distanziert sich von der Homophobie. Antisemitisch, ja. Sie distanziert sich vom Antisemitismus – Schließlich ist man bekannterweise längst kein Antisemit mehr, man definiert sich als Antizionist.
Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass die Ebene und Dimension der Kritik an ihrer Äußerung und Person ihr unverständlich bleibt.

Traurigerweise muss stehen bleiben, dass – entgegen dem ersten Eindruck – Butlers Äußerung auf ihre Art und Weise durchaus Richtigkeitsgehalt aufweist.
Allein, dass sie mit ihrer Ansicht innerhalb der globalen Linken nicht allein steht, macht ihre Aussage über diese Linke stückweise wahr und die Frage, ob es erstrebenswert ist, als Teil dieser Linken zu gelten, noch dringlicher, als sie schon lange ist.

(1) Matthias Küntzel: ‚Butler rennt‘
(2) vgl. (1)

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/10/02/hamas-hisbollah-butler/feed/
Kritik vs. Polemik II – ‚Super deutsch‘. http://motmw.blogsport.de/2012/07/02/kritik-vs-polemik-ii-super-deutsch/ http://motmw.blogsport.de/2012/07/02/kritik-vs-polemik-ii-super-deutsch/#comments Mon, 02 Jul 2012 10:46:17 +0000 Administrator politics ten german bombers.. replica http://motmw.blogsport.de/2012/07/02/kritik-vs-polemik-ii-super-deutsch/ Im Umfeld der gerade zu Ende gegangenen Fußball-Europameisterschaft der Männer befassten sich Medien verschiedenster politischer Ausrichtung mit der Thematik des Party-Patriotismus. Viele von den Artikeln sind interessant und – teilweise überraschend – kritisch. Daneben stehen selbstverständlich auch einige, die sich dem objektiven Umgang mit der Thematik nach wie vor verweigern. Besonders einer von ihnen – Ulf Poschardts „Super deutsch“, veröffentlich auf Welt Online – schreit förmlich nach einer Richtigstellung. Der Versuch allerdings, dem Artikel inhaltlich in Form einer ‚Antwort‘ kritisch zu begegnen, scheitert. Zuviele polemisch dargestellte schlicht falsche Behauptungen und Unterstellungen in Verbindung mit einem sich offenbarenden absolut schiefen Welt- und Gesellschaftsbild würden dazu führen, dass die Veröffentlichung eines Antworttextes in Buchform sinnvoller wäre, als in Form eines Blog-Artikels. Dennoch kann Ulf Poschardt – in aller Kürze – etwas erwidert werden. Die Kritik an seiner Darstellung ist grundsätzlich, sie bezieht sich auf das eben erwähnte Gesellschaftsbild, dass sich in seiner Publikation manifestiert.
Poschardt ordnet moderne linksradikale Kritik ohne mit der Wimper zu zucken in die Tradition des ‚todernsten‘ Marxismus der 80er Jahre ein. Die Botschaft ist klar: Wer die nationale Euphorie kritisiert, versteht keinen Spaß, kann und will nicht feiern, ist ein Miesepeter. Schlicht und einfach vollkommen ignoriert wird der Inhalt der Kritik. Auf diesem Niveau – Kritikabwehr durch Angriff auf den Kritiker – bewegt sich Poschardts gesamter Text. Er zeichnet das Bild von ‚Besserverdiener-Kids‘, die einem – scheinbar völlig dumpfen, denk- und reflexionsunfähigen – ‚Proletariat‘ den Spaß an Deutschland nicht gönnen. Abgesehen davon, dass sich der Deutschland-Hype dieser Tage absolut nicht auf ‚proletarische‘ Kreise beschränkt, sondern eben auch ‚Besserverdiener-Kids‘ mitreißt, zeigt Poschardt, welch seltsames Klassenbild seine Sicht auf die Gesellschaft bestimmt: ‚Der Proletarier‘ als Spielball einer Oberschicht, von deren Gutdünken abhängig ist, ob er seine – ihm scheinbar grundsätzlich innewohnende – Liebe zu Deutschland nach außen zu tragen darf, oder nicht. Dass Poschardt nicht versteht, warum die ‚Grüne Jugend‘ den nationalen Hype mit ‚Turnvater Jahn‘ und dem ‚1. Weltkrieg‘ in Verbindung bringt, mutet dagegen fast schon verzeihbar an. Dennoch: Dass nationale Symbolik in Zusammenhang mit den Ereignissen, die die betroffene Nation hervorgebracht hat und hervorbringt, gebracht wird, sollte für jemand, der der Meinung ist, sich zur Thematik äußern zu können, nicht allzu schwer sein. Zusammengefasst – und im Bewusstsein, auf die meisten Einzelheiten nicht eingegangen zu sein – ist Poschardts Polemik schlicht und einfach ein Erzeugnis der oben schon erwähnten, für sich sprechenden Grundannahmen, denen er anzuhängen scheint. Ein weniger überheblicher Tonfall würde möglicherweise zu freundlicherem Umgang mit ihm und seiner Publikation führen. Auf dem gegebenen Niveau allerdings bleibt nur zu sagen: Polemik ist wunderbar, wenn sie gut ist, aber genauso fürchterlich, wenn sie, wie in diesem Fall, schlecht ist. Und Ulf Poschardt? Nur ein weiterer Publizist, den die Welt nicht braucht.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/07/02/kritik-vs-polemik-ii-super-deutsch/feed/
Iran 1979 – Ägypten 2012 http://motmw.blogsport.de/2012/06/30/iran-1979-aegypten-2012/ http://motmw.blogsport.de/2012/06/30/iran-1979-aegypten-2012/#comments Sat, 30 Jun 2012 11:34:33 +0000 Administrator politics http://motmw.blogsport.de/2012/06/30/iran-1979-aegypten-2012/ Nach den anfangs vielversprechenden Ereignissen des Arabischen Frühlings seit 2010 ist der ‚Wechsel‘ in Ägypten nun vollzogen. An die Stelle des zurückgetretenen und verhafteten Diktators Husni Mubarak tritt nun, als gewählter Präsident, Muhammad Mursi. Soweit, sogut – aus einer Diktatur wird immerhin eine Demokratie, ein fortschrittlicher Akt. Ein schaler Beigeschmack stellt sich allerdings bei näherer Betrachtung des neuen Präsidenten ein: Mohammed Mursi ist Mitglied der Muslimbruderschaft, der Organisation, die den islamistischen Terror gegen Israel und den Fortschritt im Nahen Osten quasi begründet (1) und folgerichtig später die Hamas hervorgebracht hat. An Stelle eines faktisch alleinherrschenden Diktators tritt also im Zuge einer ‚Revolution‘ ein fundamentaler Islamist und mit ihm seine Organisation. Die Situation wirkt aus dem letzten Jahrhundert sattsam bekannt: Ayatolla Chomenei kam 1979 quasi auf dieselbe Weise im Iran an die Macht. Wenn nun Mohammed Mursi schon bei seiner Vereidigung verkündet, ‚die Revolution zu verteidigen‘ und ‚niemand außer Gott zu fürchten‘ und dabei von der Masse des Publikums nur durch ‚Allahu akbar‘-Rufe unterbrochen wird, mutet das mehr als bedenklich an und erinnert auf gruselige Weise an die Islamische Republik Iran. Die Vorstellung, dass in der momentan ohnehin massiv instabilen Lage im Nahen Osten ein weiteres, ähnliches, irrational handelndes und hassgeleitetes Regime auf den Plan tritt, macht Angst. Zurecht.

(1) Schon vor der Gründung des Staates Israel ’48 und vor allen militärischen Aktionen der arabischen Nachbarstaaten begannen die ‚Muslimbrüder‘ ’47 mit paramilitärischen Angriffen auf jüdische Siedler im britischen Mandatsgebiet ‚Palästina‘.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/06/30/iran-1979-aegypten-2012/feed/
Verspätet: Günter Grass und die Juden – Gedanken zur letzten Tinte eines gealterten Literaten. http://motmw.blogsport.de/2012/06/15/verspaetet-guenter-grass-und-die-juden-gedanken-zur-letzten-tinte-eines-gealterten-literaten-2/ http://motmw.blogsport.de/2012/06/15/verspaetet-guenter-grass-und-die-juden-gedanken-zur-letzten-tinte-eines-gealterten-literaten-2/#comments Fri, 15 Jun 2012 13:47:50 +0000 Administrator politics http://motmw.blogsport.de/2012/06/15/verspaetet-guenter-grass-und-die-juden-gedanken-zur-letzten-tinte-eines-gealterten-literaten-2/

„Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.“

Mehr als ausreichend wurde diese bemerkenswerte lyrische Leistung des Nobelpreisträgers Günter Grass bereits analysiert und diskutiert. Hinreichend bekannt ist auch, dass Grass besser weiter geschwiegen hätte. Trotzdem soll jetzt auch hier nichtmehr dazu geschwiegen werden, sondern eine Betrachtung erfolgen.

[Die ursprüngliche Intention des Beitrags war eine andere, lässt sich jedoch auf absehbare Zeit nicht verwirklichen, weshalb es bei der isolierten Betrachtung des grassschen Gedichts bleibt.]

Grass, der in seinem Gedicht nicht nur die Realität eines kommenden israelischen Erstschlags gegen den Iran impliziert, sondern auch die tatsächliche Gefährdung Israels durch den Iran maßlos herunterspielt, spricht von der Gefahr der ‚Auslöschung‘ des ‚iranischen Volks‘. Nicht genug mit der davor geschehenden Verdrehung der Tatsachen, wird aus der auf der Notwendigkeit von Verteidigung gegen ein Land, dessen Regierungsoberhaupt sowohl die Shoa leugnet, als auch zum kompletten Auslöschen Israels aufruft, basierenden Erwägung eines militärischen Erstschlags etwas ganz anderes: Die Gefährdung des nach Grass völlig unbeteiligten iranischen Volkes durch israelische Kriegsgelüste. Wie weit sich Grass in seinen Äußerungen hier von der Realität entfernt, ist offensichtlich. Im Folgenden bemüht der gealterte Literat ohne jede Scham eine der ältesten unbegründeten Behauptungen des modernen Antisemitismus, nämlich die eines angeblichen Verbots von Kritik an Israel. Zur Genüge ist bewiesen, dass gerechtfertigte und objektive Äußerungen zu kritikwürdigem Vorgehen der israelischen Regierung nicht als ‚antisemitisch‘ abgestempelt, sondern durchaus als das wahrgenommen werden, was sie sind. Im Unterschied dazu stehen Äußerungen wie die Grass‘, bei denen schnell klar ist, worum es geht: Kritik zu üben an dem Staat, der wie ein Dorn im Fleisch schmerzt, da er durch seine reine Existenz am Vergessen dessen hindert, was der deutsche Nationalsozialismus – und Günter Grass als Teil desselben – zwischen 1933 und 1945 Wirklichkeit werden ließen: Den ernsthaftesten, den bisher erfolgreichsten und den schrecklichsten jemals geschehenen Versuch, das Judentum und die Juden vollständig auszulöschen. Zur Begründung dieser Kritik ist der Wahrheitsgehalt der Vorwürfe nur sekundär wichtig. Man fühlt sich gut, man fühlt sich ein klein bisschen besser, wenn die Möglichkeit besteht, Schuld aufseiten Israels festzustellen, wodurch die eigene ein klein wenig relativierbar erscheint. Nicht jeder geht hier allerdings wie Grass aufs Ganze und stellt die ernsthafte Gefahr der ‚Auslöschung eines Volkes‘ durch Israel fest. Seine Besorgnis um das Wohlergehen der iranischen Bevölkerung scheint an diesem Punkt grenzenlos. Nur nebenbei sei die Frage aufgeworfen, warum Günter Grass nichts von seiner kostbaren Tinte opferte, als im Iran massive Unruhen und Proteste laut wurden, deren Ziel die Abschaffung der Islamischen Republik und die Befreiung von der Diktatur Mahmud Ahmadinedschads war. Völlig klar: Solidarität mit der Bevölkerung des Iran ist erst dann angebracht, wenn sie sich in Kritik an und Äußerungen gegen Israel manifestieren kann (vergleichbar hiermit ist die weithin vorgegebene Solidarität mit Palästinensern).
Über die obligatorische Beteuerung der ‚Freundschaft zu Israel‘, die modernen Antisemiten standardmäßig als Rechtfertigung ihrer Tiraden dient, kommt Grass schließlich zu der Aussage, die ‚Atommacht Israel gefährde[…] den ohnehin brüchigen Weltfrieden‘. Die kurze Übersetzung dieses Satzes in Bezug auf die Konfliktsituation zeichnet folgendes Bild: Israel lässt sich von einem nichtbeachtungswürdigen ‚Maulhelden‘ namens Ahmadinedschad viel zu sehr provozieren, eigentlich dienen dessen Aussagen nur als Vorwand, um die Vernichtung des Irans zu rechtfertigen. Es ist kaum notwendig zu analysieren, wie grundsätzlich diese Vorstellung der Realität widerspricht. Zur Frage, wieso sich in Grass‘ Kopf diese Verdrehung der Tatsachen einstellt, sei auf den letzten Absatz verwiesen.
Es bleiben die Fragen, wie jemand – egal vor welchem Hintergrund – bei der Betrachtung der aktuellen Beziehung zwischen Israel und dem Iran zum Schluss kommen kann, Israel sei der ‚Verursacher der Gefahr‘ und was Günter Grass mit dem Bild der ‚vom Wahnsinn okkupierten Region‘ sagen will. Durchaus möglich ist die Annahme, dass sich hier in der Art eines Freudschen Versprechers, eines unbewussten und unbeabsichtigten Bekenntnis‘ zum eigenen Bauchgefühl die Ansicht von Israel als – in Kreisen, in denen Grass‘ Äußerungen auf Zustimmung treffen, so durchaus geläufig – ‚Okkupierende Macht‘ des Nahen Ostens und somit als ‚Wahnsinn‘ manifestiert.
Unabhängig davon, ob die im letzten Satz geäußerte Annahme zutrifft, oder nicht, ist sicher: Wahnsinn ist die Tatsache, dass ein in die Jahre gekommener deutscher Literat, bekanntermaßen ehemaliges Mitglied der Waffen-SS, seine – scheinbar höchst wichtig genommene – ‚letzte Tinte‘ zu etwas nutzt, was tief in ihm steckt und endlich geäußert werden will: Unsägliche Unzufriedenheit mit der Existenz Israels.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/06/15/verspaetet-guenter-grass-und-die-juden-gedanken-zur-letzten-tinte-eines-gealterten-literaten-2/feed/
Gutgemeinte Vergangenheitsbewältigung. http://motmw.blogsport.de/2012/05/31/gutgemeinte-vergangenheitsbewaeltigung/ http://motmw.blogsport.de/2012/05/31/gutgemeinte-vergangenheitsbewaeltigung/#comments Thu, 31 May 2012 15:17:23 +0000 Administrator politics ten german bombers.. http://motmw.blogsport.de/2012/05/31/gutgemeinte-vergangenheitsbewaeltigung/ Der in jüngerer Vergangenheit aufgrund des Vorwurfs der Verharmlosung der Shoa, seines exzessiven Antikommunismus und seiner Miturheberschaft der ‚Prager Erklärung‘ Objekt der Kritik gewordene deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besucht Israel und dort, wie jeder offizielle Staatsgast zu Beginn seines Besuchs, die Gedenkstätte Yad Vashem. Wie jeder offizielle Besucher trägt auch er sich dort ins Gästebuch ein. Sein Eintrag ist ungewöhnlich ausführlich, er richtet sich, in gewisser Hinsicht an eine Predigt erinnernd, auf mahnende Weise direkt an den Leser:

„Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: Die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern – wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer. Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer – wie viele kennst du? Namen der Täter – deutsche zumeist – Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen. So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.

Joachim Gauck“

Man kann Joachim Gauck, sosehr es selbstverständlich seiner obligatorischen Pflicht als Oberhaupt des deutschen Staates entspricht, nicht absprechen, sich Mühe gegeben zu haben. Man kann ihm positiv unterstellen, ein Zeichen setzen zu wollen. Ein Zeichen der Solidarität mit Israel – „Und steh zu dem Land […]“ – ein Zeichen möglicherweise auch gegen die Kritik an seiner Person, die sich auf sein Verhältnis zum Gedenken an die Shoa bezieht. Explizit drückt er aus, welche Bedeutung er diesem Gedenken zumisst – „[…] sollst du wiederkommen.“. Er appelliert an den Leser, mahnt zum Gedenken, fordert auf, „mit[zu]fühlen“, zu „trauern“ – und, hoppla, „mitzuleiden“. Hier, an diesem einen Wort manifestiert sich – wohl unbewusst und sicherlich ohne jede böse Absicht – ein zutiefst deutsches Bedürfnis: Gauck will, Deutschland will mitleiden. Das Tätervolk will endlich auch zu den Opfern zählen und mit deren Nachkommen, mit Israel gemeinsam das schrecklichste Ereignis der Geschichte betrauern und darunter leiden. Deutlich offenbart sich der unterbewusste Wunsch, die Grenzen zwischen Opfern und Tätern endlich verschwimmen zu lassen. Dass es faktisch nicht möglich ist, mit den Opfern zu leiden, ist irrelevant. Endlich sollen die Nachfahren der Täter nun in Eintracht mit denen der Opfer leiden und die Geschehnisse des Nationalsozialismus voller Unverständnis und Abscheu betrachten. Joachim Gauck und Deutschland solidarisieren sich in aller Deutlichkeit mit den getöteten Juden. Mit Sicherheit ehrlich gemeint solidarisiert sich Gauck direkt danach, wie oben schon erwähnt, auch mit dem in Folge der Shoa entstandenen Staat Israel. Später, nach seinem Besuch der Gedenkstätte und bei anderer Gelegenheit geht er noch weiter, distanziert sich ausdrücklich auch von Günter Grass („Was gesagt werden muss“). Er geht zwar nicht ganz so weit, wie vor einiger Zeit Angela Merkel, lässt jedoch an seinem Standpunkt keinerlei Zweifel aufkommen. Zwar kritisiert er – in guter deutscher Manier – die israelische Siedlungspolitik, steht aber mit seinem Vorschlag einer Zwei-Staaten-Lösung noch auf einigermaßen sicherem Terrain. Der realitätsferne Charakter der Vorstellung einer friedlichen Koexistenz zwischen einem Hamas-regierten Staat Palästina und Israel und der Annahme, dass mit dieser Lösung alle Probleme behoben wären, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Auch Gaucks Standpunkt, dass die israelische Siedlungspolitik Grund der Schwierigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung sei, scheint ziemlich weit hergeholt.

Im Großen und Ganzen muss man ihm aber – bisher – zugutehalten, dass er sich tatsächlich Mühe gibt, die sensible Situation zu meistern. Sicherlich ist ihm kein böswilliger Antisemitismus, keine absichtliche Relativierung der Shoa zu unterstellen. Dass er dennoch, wie beschrieben, alte deutsche Bedürfnisse äußert, ist wohl kaum als bewusster Akt zu sehen, ist allerdings definitiv bezeichnend. Die Frage des etwaigen, sich in der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sozialismus/Stalinismus manifestierenden unterschwelligen Antisemitismus ist eine schwierigere und keinesfalls mit einem klaren ‚Nein‘ zu beantwortende. Das einzige, was Gaucks Verhalten und seine Äußerungen bei seinem Besuch in Israel deutlich machen, ist, dass sich in dieser Hinsicht an der Oberfläche nichts findet. Wer nicht tiefer gräbt und genauer analysiert, sondern bei direkten Aussagen zur konkreten Thematik stehenbleibt, und sicherlich auch Gauck selbst, findet bei Joachim Gauck ernstgemeinte Solidarität mit den toten Juden und, wohl als Folge dessen, auch mit den lebenden. Dass sich diese primär aus der Problematik der eigenen, deutschen Vergangenheit und der Bewältigung derselben ergibt, ist klar.

Wie problematisch das stückweise Verschieben der Realität und der Vergangenheit durch Kleinigkeiten wie Gaucks „mitleiden“ allerdings ist, steht auf einem anderen Blatt.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/05/31/gutgemeinte-vergangenheitsbewaeltigung/feed/
Sozialistischer Marxismus gehört endlich begraben – warum er weder Marx’ Theorie gerecht werden, noch ernsthafte Kritik an den Verhältnissen formulieren kann. Zur Kritik an Gewerkschaften, DDR-Nostalgie und anderem. http://motmw.blogsport.de/2012/05/21/sozialistischer-marxismus-gehoert-endlich-begraben-warum-er-weder-marx-theorie-gerecht-werden-noch-ernsthafte-kritik-an-den-verhaeltnissen-formulieren-kann-zur-kritik-an-gewerkschaften-ddr-nostalgie-u/ http://motmw.blogsport.de/2012/05/21/sozialistischer-marxismus-gehoert-endlich-begraben-warum-er-weder-marx-theorie-gerecht-werden-noch-ernsthafte-kritik-an-den-verhaeltnissen-formulieren-kann-zur-kritik-an-gewerkschaften-ddr-nostalgie-u/#comments Mon, 21 May 2012 07:10:41 +0000 Administrator politics http://motmw.blogsport.de/2012/05/21/sozialistischer-marxismus-gehoert-endlich-begraben-warum-er-weder-marx-theorie-gerecht-werden-noch-ernsthafte-kritik-an-den-verhaeltnissen-formulieren-kann-zur-kritik-an-gewerkschaften-ddr-nostalgie-u/

Zu Beginn sei gesagt, dass den hier kritisierten Inhalten eine Distanzierung von, in den besprochenen Zusammenhängen durchaus auch vertretenen, Theorien wie Keynesianismus oder anderen Vorstellungen von einer sozialen Marktwirtschaft und einem menschlichen Miteinander in Kapitalismus und Demokratie unterstellt wird. Wer solchen Theorien ernsthaft anhängt, bleibt mit jeglicher „Kritik“ tatsächlich noch hinter jeder, auf falschem Verständnis von Marx’ Theorie fußenden Meinung zurück.

Kritisiert werden soll ein gesellschaftlich weithin akzeptiertes und übernommenes Verständnis Marxscher Texte, das sich in ideologisierten Einstellungen und Begriffen wie ‚Marxismus‘ manifestiert.
Marx’ Schriften sind bekannterweise durchweg im späten 19. Jahrhundert entstanden und müssen, wie alle anderen Texte auch, im Kontext ihrer Entstehungszeit, nämlich einem weithin unfertigen, dabei aber in rasanter Entwicklung begriffenen Kapitalismus, betrachtet werden.
Die daraus folgende, logisch scheinende Aufgabe und Herausforderung beim heutigen Lesen älterer Texte, die Anspruch auf Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse erheben, ist gebührende Abstraktion und die Bereitschaft, auch herausragenden Theoretikern wie Karl Marx eine gewisse Verhaftung in die Umstände ihrer Zeit zuzugestehen.

Bei Nichtbeachtung dieser extrem relevanten Tatsache kann – wie auch jeglichen modernen Auswüchsen von Theorien, die solche Fehler machen, deutlich anzusehen ist – kein rein objektiver, rationaler Umgang mit Text und Gesellschaft mehr geschehen.
Die einzig verbleibende Möglichkeit, wenn dennoch eine Identifizierung mit Theorien und Analysen, deren Entstehungszeit mit ihren Umständen mit heutigen Verhältnissen nicht mehr vergleichbar ist, geschehen soll, ist eine Dogmatisierung und Ideologisierung der Inhalte.
Dieser Mechanismus greift grundsätzlich bei Inhalten, die im mangelhaften Textverständnis der Rezipienten nicht vereinbar oder gar unlogisch zu sein scheinen.
Jegliche Vermengung mit Ideologie ist – selbstredend – der Todesstoß für jede Theorie mit Anspruch auf Objektivität und selbstverständlich sind Vertreter derselben im weiteren genau die Akteure, die die scheinbare, gesellschaftlich mitunter auch unterstellte Überholtheit von Theorien in ihrem Auftreten und ihren Publikationen manifestieren und vollständig bestätigen.

Am praktischen, hier relevanten Fall betrachtet, muss konstatiert werden, dass die Beerdigung des exoterischen Marxismus der Arbeiterklasse und ihrer Theoretiker und Demagogen längst überfällig ist.
Jegliches Festhalten, jegliches Weiterverfolgen entsprechender Ansätze fügt dem Ansehen und der Chance Marxscher Theorie auf ernsthafte Auseinandersetzung immensen Schaden zu.
Gestalten, die MLPD-Fahnen schwenkend durch Innenstädte ziehen und mit nostalgischer Sozialismus-Symbolik verzierte Flugblätter verteilen, werden von der Gesellschaft absolut zurecht belächelt und als längst irrelevant gewordene Nostalgiker betrachtet, über die bestenfalls geschmunzelt werden kann und die mit der ernsthaften Problematisierung und Analyse heutiger Verhältnisse weniger als nichts zu tun haben.

Die von ihnen betriebene Reduktion Marx’ brillanter Analyse der Verhältnisse, ihr ideologieschwangerer Marxismus haben keinerlei ernstzunehmenden Anspruch mehr.
Sie scheinen nahtlos anzuknüpfen auf die massive Vereinnahmung und Ikonisierung, die Karl Marx durch die historische Arbeiterklasse seiner Zeit – nicht vollkommen schuldlos – erfahren hat.
Zur Ikone von Klassen- und Arbeitskampf gemacht, reduziert auf den systemimmanenten Teil seiner Kritik, scheint er tatsächlich jeglichen Anspruch auf Objektivität verloren zu haben.
Die historische Verbindung von Marx und seiner Theorie mit solchen innerkapitalistischen Auseinandersetzungen kann möglicherweise als das denkbar schlimmste angesehen werden, was geschehen konnte.
Der Ansatz des Klassenkampfes an sich ist als nichts anderes zu betrachten, als wichtiger Teil kapitalistischer Entwicklung:

„Der Begriff der Modernisierung war […] nicht so eindimensional wie heute, sondern mit einer Art innerkapitalistischen Kritik (man könnte auch sagen: einer fortschreitenden inneren Selbstkritik des noch unfertigen Kapitalismus) aufgeladen.
Dies um so mehr, als es sich dabei um einen scheinbar sehr klar bestimmbaren Interessenkampf handelte. Einerseits neigten die selber noch mit vormodernen Denk- und Verhaltensmustern ausgestatteten Kapitalisten-Subjekte des 18. und 19. Jahrhunderts dazu, die von ihnen genutzten Lohnarbeiter paternalistisch und mit autoritären Herrenallüren wie persönlich Abhängige zu behandeln, obwohl es sich bei der ‚freien Lohnarbeit’ der Form nach um Rechtsverträge unter Gleichen handeln musste. Andererseits klagten die Lohnarbeiter und ihre zunächst staatlich unterdrückten Organisationen genau diesen Charakter rechtsgleicher Vertragsverhältnisse gegen den vordergründig persönlichen Herrschaftscharakter des empirisch noch nicht seinem logischen Begriff entsprechenden Kapitalverhältnisses ein. Genau deshalb aber wurde der Klassenkampf zum Motor der der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte, und die Kapitalismuskritik gegenüber den persönlichen Eigentümer-Kapitalisten entsprach in Wahrheit nur der reinen Logik des Kapitalismus selber, nämlich der Logik eines Systems strikter formaler Egalität von abstrakten Individuen, die gewissermaßen als Atome eines ihnen gegenüber verselbständigten ökonomischen Prozesses gesetzt sind.“

Den – schon in seinen Anfängen – rein systemimmanent wirksamen Ansatz des Klassenkampfes in heutiger Zeit immer noch zu verfolgen, spricht jedem Anspruch auf kritische Theorie schlicht und einfach Hohn. Er scheint, von seinem hohen Stilisierungsgrad abgesehen, nichts anderes zu sein als die, für den Kapitalismus unabdingbare, Auseinandersetzung der innerkapitalistischen objektivierten Individuen und Charaktermasken, existenziell wichtig für die Weiterentwicklung und weltweite Ausbreitung des Kapitalismus von seinem Stand zu Zeiten Karl Marx’ bis heute.
Er versteht und berücksichtigt in seinen Grundsätzen die Tatsache nicht, dass der bloße Kampf gegen Repräsentanten verschiedener kapitalistischer Charaktermodelle sinnloser als Nichtstun ist.
Hierfür relevante, ja bezeichnende Textstellen des „Kapitals“ scheinen seine Akteure überlesen, nicht verstanden oder ignoriert zu haben:

„Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der de Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Heutiges Gebaren von Gewerkschaften, ‚volksnahen‘ Parteien und Akteuren ähnlicher Coleur passt perfekt in dieses Bild.
Diesem Ansatz folgend ist die Idee des Klassenkampfs als Mittel und Weg zur Überwindung der Verhältnisse unweigerlich abzulegen, da sie keinerlei Erfolg verspricht und durch ihren bereits erwähnten, extrem ideologisierten Charakter jedem anderen Ansatz massiv im Weg steht.

Um den Ansätzen der angesprochenen Akteure ernsthaft widersprechen zu können, muss erkannt und benannt werden, welche Fehlannahmen ihren Ansichten zugrunde liegen.
Nicht umsonst findet in ihren Reihen deutlich positiver Bezug auf die erbärmlichen Verhältnisse in DDR und Sowjetunion als vermeintliche Gegenentwürfe zum modernen Kapitalismus statt.
Von all diesen, große Reden schwingenden und bei jeder Gelegenheit auf ihre theoretische Beschlagenheit hinweisenden politischen Akteuren wird der mit grundsätzlichste Teil Marxscher Theorie nicht erkannt, sein Bestehen durch Dogmatisierung und die Fixierung auf andere Aspekte und diesem Punkt scheinbar widersprechende ‚Wahrheiten’ geleugnet.
Die Tatsache, dass die im letzten Jahrhundert gekommenen und gegangenen scheinbaren Gegenentwürfe zum Kapitalismus nie etwas anderes waren und sein konnten, als Ausdrücke seiner inneren Ungleichzeitigkeit, als Bilder vorzeitiger kapitalistischer Entwicklungsepochen in Verbindung mit autoritären Staaten, die immensen Aufwand betrieben, um die immense Tristesse der von ihnen gesicherten Verhältnisse ideologisch aufzuwerten, scheint ihnen verborgen zu bleiben.
Die für diese Feststellung absolut ausreichende, eigentlich offensichtliche Erkenntnis, dass ‚Systeme‘, in denen Lohnarbeit und Akkumulation von Kapital, egal, ob von Privatakteuren oder, wie in der DDR der Fall, von staatlicher Seite ausgeführt, die grundsätzlichsten Elemente des Kapitalismus teilen und demzufolge nichts anderes sein können als ebendieser, bleibt ihnen ebenso verwehrt.
Selbiges gilt für Kritiker Marxscher Theorie, die sich in irgendeiner Art und Weise auf diesen ‚Real existierenden Sozialismus‘ beziehen.

Die immerzu geschehende Suche nach Verantwortlichen, nach Regenten, nach Herrschenden, die anzugreifen ein Ende des Kapitalismus herbeiführen soll und das Festlegen der eigenen Identität in einer maßlos heroisierten, aus welchen Gründen auch immer als unschuldig leidend und kritikunwürdig eingestuften „Arbeiterklasse“ machen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Verhältnissen unmöglich. Sie haben den momentanen Stillstand zwingend zur Folge. Radikalste Auswüchse dieses Kritikverständnisses wie die in Deutschland unlängst aktive RAF, ihre tiefe Unsinnigkeit, ihre nicht vorhandenen Aussichten auf irgendwie gearteten Erfolg machen das allzu deutlich.
Die Methode der RAF, als selbsternannte ‚Großstadtguerilla’ in den ‚Krieg gegen das System’ zu treten, ist nichts anderes als die radikale Fort- und Ausführung des Klassenkampfgedankens.
Bomben zu legen und Vertreter der ‚herrschenden Klasse’ und des ‚Imperialismus’ zu ermorden, ist die einzig konsequente Schlussfolgerung aus dem Gedanken, dass durch Austausch der Ausführenden die Struktur des Kapitalismus wie auch immer geartet ins Wanken gebracht werden könnte.
Auf weitere ideologische Verwirrungen der RAF-Akteure soll hier aufgrund der Tatsache, dass es den gesteckten Rahmen sprengen würde, nicht weiter eingegangen werden, zumal Fürchterlichkeiten wie ‚Antiimperialismus’ und dergleichen zumindest innerhalb theoriebezogener ‚linker’ Strukturen weitestgehend im Verschwinden begriffen zu sein scheinen.
Nichtsdestotrotz wird in weiten Teilen der selbsternannten (deutschen) Linken vehement an diesen zum Dogma erklärten Klassenkampfansätzen festgehalten. In bester Stammtischmanier wird auf die bösen Bosse geschimpft, sich in Gewerkschaften organisiert und alles getan, um die eigene maßlos unzulängliche Kritik nicht überdenken und die eigene Verantwortung nicht erkennen zu müssen.
Viel mehr als alle Gesichter der vermeintlichen Kapitalistenklasse sind Vertreter ideologisch hochstilisierter, absolut unzureichender und romantischer Kritikansätze für das Bestehende verantwortlich zu machen, da sie allen Chancen auf grundsätzliche Analyse und Überwindung absolut im Weg stehen. Genau dort machen sie schließlich ihre eigene Identität, ihre Daseinsberechtigung aus.
Man fühlt sich wohl, kennt sich, weiß, wen man hassen, wen man lieben muss und worüber man in wunderbarem Einklang mit der Volksseele zu schimpfen hat. Diese harmonische Koexistenz fußt direkt auf der Unzulänglichkeit und dem mangelnden Interesse an ernsthafter Kritik, da jeder weitergehende Ansatz sie grundsätzlich unmöglich machen würde.
Beispielsweise müsste die Erkenntnis der tatsächlichen Rolle von Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen zu ihrer sofortigen Auflösung führen, wie, nebenbei bemerkt, jede radikale Veränderung der Verhältnisse.

Dass dies nicht abzusehen ist und in naher Zukunft allem Anschein nach kaum geschehen wird, hängt grundsätzlich mit dem beschriebenen mangelnden Interesse, dem immensen Bedürfnis nach vorgegebener Identität und weitverbreitetem Unverständnis marxscher Theorie zusammen.
Das feststellend versucht dieser Text also, als Anreiz und Aufforderung zu neuerlicher, ernsthafter Auseinandersetzung mit dieser zu fungieren.
Zu fordern ist nicht weniger als die Kritik an allem Bestehenden in seinen Grundsätzen, die hierfür allerdings eben erst verstanden und benannt werden müssen, wozu die im vorigen inflationär bemühte marxsche Theorie unfassbar dienlich, sinnvoll und treffend ist. Notwendig ist anfangs nicht mehr, als schlicht die Bereitschaft, gewohnte Positionen und Identifikationen zu reflektieren und aufzugeben.

(1) Robert Kurz: Marx lesen! Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert. Dritte Auflage, 2008. S. 20.
(2) Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band. Vorwort zur ersten Auflage, 1867.

]]>
http://motmw.blogsport.de/2012/05/21/sozialistischer-marxismus-gehoert-endlich-begraben-warum-er-weder-marx-theorie-gerecht-werden-noch-ernsthafte-kritik-an-den-verhaeltnissen-formulieren-kann-zur-kritik-an-gewerkschaften-ddr-nostalgie-u/feed/