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„Kommen zwei Schwule in eine Bar …“


- Halt die Fresse!

Schwulenwitze sind nicht lustig. Das liegt nicht etwa daran, dass irgendwelche Gutmenschen willkürlich beschlossen haben, lustigen schwarzen Humor, der nun mal vor nichts Respekt hat, schlecht zu machen. Vielmehr hat es damit zu tun, dass sie deutlich mehr sind, als nur rücksichtslose Witze. Dasselbe gilt für ähnlich geartete Beleidigungen.

1. # Du behindertes Arschloch! #
„Warum ist es nicht einfach egal, wie ich Menschen bezeichne, die ich nicht mag?
Ich beleidige niemanden damit, außer die, die ich auch meine.“

Das liegt an dem Schema, nach dem alle wertenden Aussagen, die wir treffen, also auch Beleidigungen, aufgebaut sind.
Wertende Aussagen über Menschen, Dinge und Situationen erfolgen grundsätzlich durch die Zuschreibung von Attributen, die, je nach Wunsch, entweder positiv, oder negativ behaftet sind.
Menschen, die man beleidigen will, bezeichnet man mit Begriffen, die im Kontext des jeweiligen Umfeldes und der gesamten Gesellschaft als abwertend empfunden werden. Alles andere würde keinen Sinn machen, da die Wirkung der Beleidigung verpuffen würde.
Das hat neben der ersten, offensichtlichsten und natürlich erwünschten Auswirkung, nämlich, dass die betroffene Person sich beleidigt fühlt, auch noch andere.
Sprache und Kommunikation sind komplexe Angelegenheiten, die nie aus nur einer, sondern immer aus mindestens zwei, eher drei Ebenen bestehen.
(1) Das direkt Gesagte: a ist x.
(2) Die Intention – also die Absicht – und die zugrundegelegten Annahmen hinter dem Ausgedrückten:
Es wird eine als negativ empfundende Bezeichnung für a gesucht, die in x gefunden wird.
a soll durch x als „schlecht“ bezeichnet werden. Die stattfindendende Gleichsetzung zwischen
„schlecht“ und x führt zur dritten Ebene der Aussage:
(3) x ist „schlecht“.

In der Realität stehen hinter den verschiedenen Zuschreibungen, die wir mit x bezeichnen, meistens gesellschaftliche Gruppen von geringem Ansehen. Unliebsame Menschen oder Dinge werden beispielsweise als „schwul“, „behindert“, „asozial“, „spastisch“ oder „krank“ bezeichnet.

„Warum ist es problematisch, wenn ich solche Begriffe, die nun mal als Beleidigungen gelten, als solche benutze?“
Begriffe, wie die oben aufgeführten, sind nur beispielhaft genannt. Es existieren viele weitere, die auf dieselbe Weise wirken.
Jedes Mal, wenn wir sie benutzen, treffen wir, wie oben erklärt, neben Aussage (1) auch Aussage (3).
Am konkreten Beispiel betrachtet:
- „Gerhard ist echt behindert.“
beinhaltet aufgrund der offensichtlichen Absicht, Gerhard durch das Attribut behindert abzuwerten, immer auch
- „Wer behindert ist, ist scheiße.“

„In Ordnung. Wenn ich das so mache, dann sage ich mehr, als ich eigentlich sagen will. Aber das hat doch keine konkreten Auswirkungen und gegen Behinderte, Homosexuelle oder wen auch immer habe ich auch gar nichts. Wo ist das Problem dabei?“
Es handelt sich, wie oben schon gesagt, grundsätzlich um Gruppen, deren gesellschaftliches Ansehen gering ist. Nun ist es in der Realität so, dass dieses geringe Ansehen für die betroffenen Gruppen durchaus handfeste Auswirkungen hat. Sie sind – ganz abgesehen von direkten körperlichen Übergriffen, die regelmäßig stattfinden – täglich mit dem Bewusstsein konfrontiert, auf den unteren Stufen der gesellschaftlichen Achtungshierarchie zu stehen.
Durch Gebrauch der sie bezeichnenden Begriffe in Form von Nutzung zur Abwertung anderer transportieren wir ganz praktisch konkrete gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen täglich in unseren Aussagen und helfen so, ihr Bestehen zu zementieren. Wir nehmen also, indem wir uns so äußern, zumindest indirekt Einfluss auf die gesellschaftliche Situation beispielsweise Homosexueller, indem wir dazu beitragen, dass ihre Betrachtung als negativ, ihre Stellung in der Gesellschaft strukturell – und damit auch lebenspraktisch – bestehen bleibt. Dadurch, dass wir negative Stereotypen im Kleinen als festen Bestandteil unserer Kommunikation begreifen, sorgen wir dafür, dass gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen im Großen bestehen bleiben.
Wir nehmen für uns in Anspruch, dass es nicht vollkommen gleichgültig ist, was wir von uns geben. Daraus folgt auch, dass wir für die Dinge, die wir äußern, Verantwortung tragen müssen. Sich grundsätzlich mit „Ja, ich weiß. Aber ich habe ja auch gar nichts gegen x und es schadet ja jetzt niemand, wenn ich das so sage herauszureden, ist zu einfach.

2. # Treffen sich drei Schwule … #
„Was soll denn die Aufregung jetzt schon wieder, das war doch nur ein Witz! Wer keinen Sinn für schwarzen Humor hat, darf halt nicht zuhören.“
Genau wie andere Arten von Aussagen, sind auch Witze gut dazu geeignet, gesellschaftliche Stereotypen zu transportieren oder historisches und bestehendes Elend zu verharmlosen.
Witze, die beispielsweise auf Kosten Homosexueller gemacht werden, wie auch solche über Sinti & Roma, kranke oder behinderte Menschen und andere, tragen auf dieselbe Weise zur Zementierung des gesellschaftlichen Bildes dieser Gruppen – und damit zu ihrer Stellung und Situation – bei, wie Beleidigungen, denen sie als Komponente x dienen.
Sie greifen bestehende Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschaft auf. In Hinsicht auf die Struktur so gearteter Witze ist es nicht möglich, eine Pointe zu bilden, die nicht auf negativen Eigenschaften fußt, die einer beliebigen gesellschaftlichen Gruppe zugeschrieben werden. Das scheint nicht unbedingt problematisch, wenn diese Zuschreibung von Eigenschaften nicht auch in der Realität stattfindet und für die betroffene Gruppe somit keine negativen Auswirkungen hat. Witze über männliche, weiße, heterosexuelle Europäer stellen in der Theorie für diese kaum eine Gefahr dar, da nicht davon auszugehen ist, dass ihre gesellschaftliche Position in Gefahr ist. Sie sind keine Minderheit, sehen sich keinen relevanten Nachteilen und Problemen aufgrund ihnen zugeschriebener Eigenschaften ausgesetzt und können durch Alltägliches, wie Witze, wenig Schaden nehmen. So geartete Witze sind in der Praxis allerdings rar gesäht. Problematisch wird es, wenn es sich um Gesellschaftsgruppen handelt, bei denen diese Zuschreibung von Eigenschaften auch in der Realität stattfindet und für sie zu Schaden führt. Witze dieser Art existieren wie Sand am Meer. Sie sind schnell erdacht und führen zielsicher zum Lacherfolg.
Die Begründung hierfür ist einfach: Sie beziehen sich auf Stereotypen, die in der Gesellschaft verankert und damit allgegenwärtig und allen bekannt sind.
Die hier bestehende Wechselwirkung ist dieselbe, wie im oben behandelten Bereich der Beleidigungen:
Die aufgegriffenen Stereotypen werden durch ihren Weitertransport im gebräuchlichen Humor gefestigt und im Bewusstsein verankert.
Aus diesem Grund sind solche Witze nichts anderes, als auf die gleiche Art und Weise funktionierende Beleidigungen. Ihr Ursprung und ihre Daseinsberechtigung sind die bestehenden gesellschaftlichen Schemata.

3. # Also? #
Es ist verhältnismäßig einfach, sich bewusst zu machen, was in unseren alltäglichen Aussagen sogut wie immer mitschwingt, nämlich Wertungen.
Wenn man für sich der Meinung ist, niemand zu sein, der ein Problem mit beispielsweise Homosexuellen, Sinti & Roma, behinderten Menschen und vielen Anderen, die als Abwertungsinstrument etc. im gängigen Sprachgebrauch missbraucht werden, hat, ist es ohne weiteres möglich, im Bereich der eigenen Aussagen ein Minimum an Verantwortung zu übernehmen und darauf zu achten, dazu nicht weiter beizutragen.
Wenn man für sich der Meinung ist, dass diese Abwertung und die damit verbundenen Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschaftspraxis gut und richtig sind, ändert unter dem Label Political correctness zwanghaft neutral gehaltene Ausdrucksweise daran wenig.
Leute, denen es so geht, hätten sich aber schon viel früher von diesem Blog verpissen sollen.

Zur Klärung:
Es ging hier weder um hochtheoretische sprachphilosophische Gedanken, noch um tiefgehende Humorkritik nach Adorno oder ähnliches.
Genausowenig handelt es sich um die Forderung, Konzepten in Richtung Political correctness o.ä. mehr Beachtung zu schenken.
Ziel war vielmehr, auf so einfache und verständliche Art und Weise, wie möglich und in Form eines Textes, dessen Länge ihn nicht von vornherein für viele disqualifiziert, Grundsätze des Themenbereichs Sprachgebrauch zu vermitteln.

Bomber Harris?

Im Rahmen der Ausstellung Die ganze Wahrheit – was Sie schon immer über Juden wissen wollten zu sehen im Jüdischen Museum Berlin.
Von Anfang an Teil der Ausstellung waren nur die Behälter. Gefüllt mit den Chips, die ebenfalls zur Verfügung gestellt werden, werden sie nach und nach von Besuchern frei nach deren Belieben.
Mehr bleibt nicht zu sagen.

QT.

„Amerika ist für zwei Holocausts in seinem Land verantwortlich: Für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern in der Zeit des Sklavenhandels […] das wird ihnen als Deutsche seltsam vorkommen. Sie sind alle gezwungen worden, sich bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder mit der Schuld ihres Volkes auseinanderzusetzen. Den Amerikanern ist es gelungen, irgendwie darüber hinwegzugleiten.“ (1)

Bei der Premiere seines neuen Films Django Unchained in Berlin beantwortete Regisseur Quentin Tarantino mit diesen Worten die Frage, ob und in welcher Form Parallelen zwischen Django Unchained und einem seiner älteren Filme, Inglorious Basterds, bestehen.
Es ergibt sich die Frage – wenn überhaupt, in den Medien bisher allerdings nur in Form der Vorhersage eines gewaltigen, aber vollkommen ungerechtfertigten Shitstorms, der Tarantino nun erwartet, formuliert – ob und wenn ja, warum, der Inhalt dieser Aussage kritikwürdig ist.

Wie fällt also die öffentliche Rezension dieser Äußerung Tarantinos aus?
Wie bei zahlreichen anderen Gelegenheiten (in jüngerer Vergangenheit bieten sich vorallem Günter Grass und Jakob Augstein an), ist die Bereitschaft in der deutschen Gesellschaft, derartige Aussagen mit allem Mitteln zu verharmlosen, zu verteidigen und ihre Kritiker zu denunzieren, enorm.
Die Argumentationsstruktur ist hierbei stets dieselbe.
Man sagt voraus, dass der für die Aussage verantwortlichen Person die Ächtung und Diffamierung als Antisemit bevorsteht, solidarisiert sich vor diesem Hintergrund mit der Person und prangert vorsorglich das Schwingen der Antisemitismus-Keule an, das man völlig selbständig herbeihalluziniert. Die Leute, die als erste von Antisemitismus sprechen, sind im seltesten Falle die, die diesen attestieren und kritisieren wollen. Im Normalfall sind es diejenigen, die klarstellen wollen, dass er in keinster Weise eine Rolle spielen kann.
Wie die jeweilige darauf fußende Argumentation im Weiteren aussieht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Häufig wird – in der Regel referenzlos – betont, dass die betroffene Person ein ausgewiesener Freund Israels und aller Juden sei (zwischen Israel und aller Juden wird hierbei in der Regel fälschlicherweise nicht unterschieden).
Manchmal weist man darauf hin, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffs Antisemitismus ebendiesen stärke (die Perfidie dieses Arguments ist an anderer Stelle ausführlich dargestellt).
In selteneren Fällen wird die Person zum Opfer einer – im besten Nazijargon benannten – Holocaust-Industrie erklärt, wenn sie sich durch die betroffene Aussage Kritik einhandelt. Man solidarisiert sich hier nicht nur mit Aussage und Person, sondern unterstellt gleichzeitig mehrere Punkte:
Zum einen die Existenz einer wirtschaftlichen Clique, die vom Gedenken an die Shoa profitiert, dieses deshalb logischerweise fördert und alles mit Schmutz bewirft, was ihren wirtschaftlichen Interessen zuwiderlaufen könnte, zum anderen einen extrem hohen Einfluss dieser Clique, der sich über Presse, Politik und öffentliche Meinung erstreckt.
Vorstellungen einer jüdischen Weltmacht gehören zum absoluten Grundrepertoire sämtlicher Spielarten des Antisemitismus, ihre Äußerung gleicht gewissermaßen einem Offenbarungseid.

Wie ist das Gesagte auf rationaler Ebene zu betrachten?
Quentin Tarantino machte bisher ausschließlich durch die Schaffung von Filmen, die sämtlich dem Bereich des Trashfilm zuzuordnen sind, auf sich aufmerksam. Er ist kein sonderlich talentierter öffentlicher Redner und konnte in der Vergangenheit nie durch qualifizierte politische Äußerungen glänzen. Was ihn dazu bringt, ausgerechnet bei diesem Thema und diesem Film als – in welcher Form auch immer – politisch motiviert aufzutreten, ist unklar und der Fall unglücklich.
Dennoch ist das Geäußerte als das zu behandeln, was es ist, nämlich höchst unreflektiert und falsch.
Zu konstatieren, dass „Amerika […] für zwei Holocausts verantwortlich“ ist, impliziert eine weit größere Schuld Amerikas, als die Deutschlands, das schließlich nur eine Shoa zu verantworten hat, überhaupt sein kann.
Die Ereignisse, von denen er spricht, sind einer Besprechung absolut würdig und keinesfalls zu verharmlosen.
Sie sind aber – und das ist in Hinsicht auf seine Aussage entscheidend – nicht in gleichstellende Relation mit der Shoa zu setzen. Beiden, sowohl dem Mord an und der Vertreibung von Indianern in Nordamerika, noch der Gesamtheit der Sklaverei in allen Ausprägungen, fehlt das Grundsätzliche des Holocaust, die Motivation des Mordens durch das Morden selbst, das Element des Tötens als Selbstzweck und seine industrielle, systematisch durchgeplante Ausführung.
Der Antisemitismus in seiner ganzen Komplexität und der eliminatorische Antisemitismus des Dritten Reichs im Speziellen finden in beiden Fällen – wie in der gesamten Geschichte – kein Pendant. Zusätzlich zu nackten Zahlen und Fakten und historisch unübertroffener systematischer Grausamkeit bedingt dies die historische Singularität der Shoa, die durch Aussagen wie die Tarantinos faktisch geleugnet wird.
Die in Weiteren folgende Behauptung, dass die Auseinandersetzung mit der Shoa in Deutschland gezwungenerweise – hier stellt sich die Frage, wer diesen Zwang ausübt – bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder stattfindet und -fand, ist nicht nur völlig falsch, sondern zeichnet ein klares Bild: Nicht reflektierenden, gedenkenden, schuldbewussten Amerikanern gegenüber stehen fast schon zu aufgeklärte Deutsche, deren – von scheinbar interessierten Kreisen oktruierter – Umgang mit der Vergangenheit ein leuchtendes Vorbild darstellt, gegenüber.
Man fühlt sich erinnert an verschiedene dementsprechende Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin:

„[…] ein Mahnmal, wo man gerne hingeht.“ (Altbundeskanzler Gerhard Schröder sagt, was er sich wünscht)
„Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ (Historiker Eberhard Jäckel beschreibt das Ergebnis)

Diesem deutschen Selbstverständnis, das Gedenken und -kultur längst als äußerst brauchbar im Vergleich mit anderen Nationen erkannt hat und sich so im Endeffekt, wie Jäckel ohne Umschweife ausspricht, mehr oder weniger glücklich schätzt, das Grauen der Shoa auf seiner Seite im Kampf um das Gedenken zu wissen, spielt Tarantino auf seinem neu entdeckten Weg zum Pop-Politologen direkt in die Hände. Er liefert den ohnehin hochgradig antiamerikanisch eingestellten Deutschen neues, brauchbares Material im kulturellen, pseudopolitischen und moralischen Kampf gegen die USA. Im Gegensatz zu den meisten seiner deutschen Gesinnungsgenossen hat er – was seine Aussagen umso wertvoller macht – keinerlei Scheu, ganz offen in einem Atemzug die Worte Holocaust, Amerika und zwei zu nennen. Nicht länger kann sich die moralische Überlegenheit der deutschen Gesellschaft nur auf die Gegenwart beziehen, während sie sich das dunkle Kapitel des deutschen Judenmordes nur durch exzessives Hinweisen auf die längst geschehene Läuterung zunutze machen kann. Tarantino schafft – sicherlich völlig ohne entsprechende Absicht – eine Möglichkeit, die Shoa als einziges deutsches Verbrechen den – direkt dagegengestellten – zwei gleichwertigen amerikanischen gegenüber erträglich erscheinen zu lassen.

Ihm ist wohl kaum zu unterstellen, dass das seine Absicht war. Filme in der Art derer Quentin Tarantinos brauchen, um überhaupt zu funktionieren, klare Schemata, innerhalb derer weder differenziert, noch abgestuft werden kann. Adolf Hitler in Inglorious Basterds bleibt schlicht nichts anderes übrig, als in der selben Liga zu spielen, wie Sklavenhalter in Django Unchained. Tarantinos Filme brauchen personalisierte Bösewichte, damit das stattfinden kann, was die Filme ausmacht: Die blutrünstige Inszenierung ihrer Bekämpfung.
Scheinbar war schlicht und einfach etwas notwendig, was bei all seinen vorhergegangen Filmen vollkommen unnötig und glücklicherweise nicht vorhanden war:
Eine politische Erklärung für stundenlang zelebrierte, völlig ausufernde Gewalt. Dass diese in all ihrer Unnötigkeit derart schlecht gewählt wurde, ist schade.

(1)

Kritik vs. Polemik II – ‚Super deutsch‘.

Im Umfeld der gerade zu Ende gegangenen Fußball-Europameisterschaft der Männer befassten sich Medien verschiedenster politischer Ausrichtung mit der Thematik des Party-Patriotismus. Viele von den Artikeln sind interessant und – teilweise überraschend – kritisch. Daneben stehen selbstverständlich auch einige, die sich dem objektiven Umgang mit der Thematik nach wie vor verweigern. Besonders einer von ihnen – Ulf Poschardts „Super deutsch“, veröffentlich auf Welt Online – schreit förmlich nach einer Richtigstellung. Der Versuch allerdings, dem Artikel inhaltlich in Form einer ‚Antwort‘ kritisch zu begegnen, scheitert. Zuviele polemisch dargestellte schlicht falsche Behauptungen und Unterstellungen in Verbindung mit einem sich offenbarenden absolut schiefen Welt- und Gesellschaftsbild würden dazu führen, dass die Veröffentlichung eines Antworttextes in Buchform sinnvoller wäre, als in Form eines Blog-Artikels. Dennoch kann Ulf Poschardt – in aller Kürze – etwas erwidert werden. Die Kritik an seiner Darstellung ist grundsätzlich, sie bezieht sich auf das eben erwähnte Gesellschaftsbild, dass sich in seiner Publikation manifestiert.
Poschardt ordnet moderne linksradikale Kritik ohne mit der Wimper zu zucken in die Tradition des ‚todernsten‘ Marxismus der 80er Jahre ein. Die Botschaft ist klar: Wer die nationale Euphorie kritisiert, versteht keinen Spaß, kann und will nicht feiern, ist ein Miesepeter. Schlicht und einfach vollkommen ignoriert wird der Inhalt der Kritik. Auf diesem Niveau – Kritikabwehr durch Angriff auf den Kritiker – bewegt sich Poschardts gesamter Text. Er zeichnet das Bild von ‚Besserverdiener-Kids‘, die einem – scheinbar völlig dumpfen, denk- und reflexionsunfähigen – ‚Proletariat‘ den Spaß an Deutschland nicht gönnen. Abgesehen davon, dass sich der Deutschland-Hype dieser Tage absolut nicht auf ‚proletarische‘ Kreise beschränkt, sondern eben auch ‚Besserverdiener-Kids‘ mitreißt, zeigt Poschardt, welch seltsames Klassenbild seine Sicht auf die Gesellschaft bestimmt: ‚Der Proletarier‘ als Spielball einer Oberschicht, von deren Gutdünken abhängig ist, ob er seine – ihm scheinbar grundsätzlich innewohnende – Liebe zu Deutschland nach außen zu tragen darf, oder nicht. Dass Poschardt nicht versteht, warum die ‚Grüne Jugend‘ den nationalen Hype mit ‚Turnvater Jahn‘ und dem ‚1. Weltkrieg‘ in Verbindung bringt, mutet dagegen fast schon verzeihbar an. Dennoch: Dass nationale Symbolik in Zusammenhang mit den Ereignissen, die die betroffene Nation hervorgebracht hat und hervorbringt, gebracht wird, sollte für jemand, der der Meinung ist, sich zur Thematik äußern zu können, nicht allzu schwer sein. Zusammengefasst – und im Bewusstsein, auf die meisten Einzelheiten nicht eingegangen zu sein – ist Poschardts Polemik schlicht und einfach ein Erzeugnis der oben schon erwähnten, für sich sprechenden Grundannahmen, denen er anzuhängen scheint. Ein weniger überheblicher Tonfall würde möglicherweise zu freundlicherem Umgang mit ihm und seiner Publikation führen. Auf dem gegebenen Niveau allerdings bleibt nur zu sagen: Polemik ist wunderbar, wenn sie gut ist, aber genauso fürchterlich, wenn sie, wie in diesem Fall, schlecht ist. Und Ulf Poschardt? Nur ein weiterer Publizist, den die Welt nicht braucht.

Gutgemeinte Vergangenheitsbewältigung.

Der in jüngerer Vergangenheit aufgrund des Vorwurfs der Verharmlosung der Shoa, seines exzessiven Antikommunismus und seiner Miturheberschaft der ‚Prager Erklärung‘ Objekt der Kritik gewordene deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besucht Israel und dort, wie jeder offizielle Staatsgast zu Beginn seines Besuchs, die Gedenkstätte Yad Vashem. Wie jeder offizielle Besucher trägt auch er sich dort ins Gästebuch ein. Sein Eintrag ist ungewöhnlich ausführlich, er richtet sich, in gewisser Hinsicht an eine Predigt erinnernd, auf mahnende Weise direkt an den Leser:

„Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: Die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern – wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer. Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer – wie viele kennst du? Namen der Täter – deutsche zumeist – Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen. So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.

Joachim Gauck“

Man kann Joachim Gauck, sosehr es selbstverständlich seiner obligatorischen Pflicht als Oberhaupt des deutschen Staates entspricht, nicht absprechen, sich Mühe gegeben zu haben. Man kann ihm positiv unterstellen, ein Zeichen setzen zu wollen. Ein Zeichen der Solidarität mit Israel – „Und steh zu dem Land […]“ – ein Zeichen möglicherweise auch gegen die Kritik an seiner Person, die sich auf sein Verhältnis zum Gedenken an die Shoa bezieht. Explizit drückt er aus, welche Bedeutung er diesem Gedenken zumisst – „[…] sollst du wiederkommen.“. Er appelliert an den Leser, mahnt zum Gedenken, fordert auf, „mit[zu]fühlen“, zu „trauern“ – und, hoppla, „mitzuleiden“. Hier, an diesem einen Wort manifestiert sich – wohl unbewusst und sicherlich ohne jede böse Absicht – ein zutiefst deutsches Bedürfnis: Gauck will, Deutschland will mitleiden. Das Tätervolk will endlich auch zu den Opfern zählen und mit deren Nachkommen, mit Israel gemeinsam das schrecklichste Ereignis der Geschichte betrauern und darunter leiden. Deutlich offenbart sich der unterbewusste Wunsch, die Grenzen zwischen Opfern und Tätern endlich verschwimmen zu lassen. Dass es faktisch nicht möglich ist, mit den Opfern zu leiden, ist irrelevant. Endlich sollen die Nachfahren der Täter nun in Eintracht mit denen der Opfer leiden und die Geschehnisse des Nationalsozialismus voller Unverständnis und Abscheu betrachten. Joachim Gauck und Deutschland solidarisieren sich in aller Deutlichkeit mit den getöteten Juden. Mit Sicherheit ehrlich gemeint solidarisiert sich Gauck direkt danach, wie oben schon erwähnt, auch mit dem in Folge der Shoa entstandenen Staat Israel. Später, nach seinem Besuch der Gedenkstätte und bei anderer Gelegenheit geht er noch weiter, distanziert sich ausdrücklich auch von Günter Grass („Was gesagt werden muss“). Er geht zwar nicht ganz so weit, wie vor einiger Zeit Angela Merkel, lässt jedoch an seinem Standpunkt keinerlei Zweifel aufkommen. Zwar kritisiert er – in guter deutscher Manier – die israelische Siedlungspolitik, steht aber mit seinem Vorschlag einer Zwei-Staaten-Lösung noch auf einigermaßen sicherem Terrain. Der realitätsferne Charakter der Vorstellung einer friedlichen Koexistenz zwischen einem Hamas-regierten Staat Palästina und Israel und der Annahme, dass mit dieser Lösung alle Probleme behoben wären, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Auch Gaucks Standpunkt, dass die israelische Siedlungspolitik Grund der Schwierigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung sei, scheint ziemlich weit hergeholt.

Im Großen und Ganzen muss man ihm aber – bisher – zugutehalten, dass er sich tatsächlich Mühe gibt, die sensible Situation zu meistern. Sicherlich ist ihm kein böswilliger Antisemitismus, keine absichtliche Relativierung der Shoa zu unterstellen. Dass er dennoch, wie beschrieben, alte deutsche Bedürfnisse äußert, ist wohl kaum als bewusster Akt zu sehen, ist allerdings definitiv bezeichnend. Die Frage des etwaigen, sich in der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sozialismus/Stalinismus manifestierenden unterschwelligen Antisemitismus ist eine schwierigere und keinesfalls mit einem klaren ‚Nein‘ zu beantwortende. Das einzige, was Gaucks Verhalten und seine Äußerungen bei seinem Besuch in Israel deutlich machen, ist, dass sich in dieser Hinsicht an der Oberfläche nichts findet. Wer nicht tiefer gräbt und genauer analysiert, sondern bei direkten Aussagen zur konkreten Thematik stehenbleibt, und sicherlich auch Gauck selbst, findet bei Joachim Gauck ernstgemeinte Solidarität mit den toten Juden und, wohl als Folge dessen, auch mit den lebenden. Dass sich diese primär aus der Problematik der eigenen, deutschen Vergangenheit und der Bewältigung derselben ergibt, ist klar.

Wie problematisch das stückweise Verschieben der Realität und der Vergangenheit durch Kleinigkeiten wie Gaucks „mitleiden“ allerdings ist, steht auf einem anderen Blatt.