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Iran 1979 – Ägypten 2012

Nach den anfangs vielversprechenden Ereignissen des Arabischen Frühlings seit 2010 ist der ‚Wechsel‘ in Ägypten nun vollzogen. An die Stelle des zurückgetretenen und verhafteten Diktators Husni Mubarak tritt nun, als gewählter Präsident, Muhammad Mursi. Soweit, sogut – aus einer Diktatur wird immerhin eine Demokratie, ein fortschrittlicher Akt. Ein schaler Beigeschmack stellt sich allerdings bei näherer Betrachtung des neuen Präsidenten ein: Mohammed Mursi ist Mitglied der Muslimbruderschaft, der Organisation, die den islamistischen Terror gegen Israel und den Fortschritt im Nahen Osten quasi begründet (1) und folgerichtig später die Hamas hervorgebracht hat. An Stelle eines faktisch alleinherrschenden Diktators tritt also im Zuge einer ‚Revolution‘ ein fundamentaler Islamist und mit ihm seine Organisation. Die Situation wirkt aus dem letzten Jahrhundert sattsam bekannt: Ayatolla Chomenei kam 1979 quasi auf dieselbe Weise im Iran an die Macht. Wenn nun Mohammed Mursi schon bei seiner Vereidigung verkündet, ‚die Revolution zu verteidigen‘ und ‚niemand außer Gott zu fürchten‘ und dabei von der Masse des Publikums nur durch ‚Allahu akbar‘-Rufe unterbrochen wird, mutet das mehr als bedenklich an und erinnert auf gruselige Weise an die Islamische Republik Iran. Die Vorstellung, dass in der momentan ohnehin massiv instabilen Lage im Nahen Osten ein weiteres, ähnliches, irrational handelndes und hassgeleitetes Regime auf den Plan tritt, macht Angst. Zurecht.

(1) Schon vor der Gründung des Staates Israel ’48 und vor allen militärischen Aktionen der arabischen Nachbarstaaten begannen die ‚Muslimbrüder‘ ’47 mit paramilitärischen Angriffen auf jüdische Siedler im britischen Mandatsgebiet ‚Palästina‘.

Verspätet: Günter Grass und die Juden – Gedanken zur letzten Tinte eines gealterten Literaten.

„Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.“

Mehr als ausreichend wurde diese bemerkenswerte lyrische Leistung des Nobelpreisträgers Günter Grass bereits analysiert und diskutiert. Hinreichend bekannt ist auch, dass Grass besser weiter geschwiegen hätte. Trotzdem soll jetzt auch hier nichtmehr dazu geschwiegen werden, sondern eine Betrachtung erfolgen.

[Die ursprüngliche Intention des Beitrags war eine andere, lässt sich jedoch auf absehbare Zeit nicht verwirklichen, weshalb es bei der isolierten Betrachtung des grassschen Gedichts bleibt.]

Grass, der in seinem Gedicht nicht nur die Realität eines kommenden israelischen Erstschlags gegen den Iran impliziert, sondern auch die tatsächliche Gefährdung Israels durch den Iran maßlos herunterspielt, spricht von der Gefahr der ‚Auslöschung‘ des ‚iranischen Volks‘. Nicht genug mit der davor geschehenden Verdrehung der Tatsachen, wird aus der auf der Notwendigkeit von Verteidigung gegen ein Land, dessen Regierungsoberhaupt sowohl die Shoa leugnet, als auch zum kompletten Auslöschen Israels aufruft, basierenden Erwägung eines militärischen Erstschlags etwas ganz anderes: Die Gefährdung des nach Grass völlig unbeteiligten iranischen Volkes durch israelische Kriegsgelüste. Wie weit sich Grass in seinen Äußerungen hier von der Realität entfernt, ist offensichtlich. Im Folgenden bemüht der gealterte Literat ohne jede Scham eine der ältesten unbegründeten Behauptungen des modernen Antisemitismus, nämlich die eines angeblichen Verbots von Kritik an Israel. Zur Genüge ist bewiesen, dass gerechtfertigte und objektive Äußerungen zu kritikwürdigem Vorgehen der israelischen Regierung nicht als ‚antisemitisch‘ abgestempelt, sondern durchaus als das wahrgenommen werden, was sie sind. Im Unterschied dazu stehen Äußerungen wie die Grass‘, bei denen schnell klar ist, worum es geht: Kritik zu üben an dem Staat, der wie ein Dorn im Fleisch schmerzt, da er durch seine reine Existenz am Vergessen dessen hindert, was der deutsche Nationalsozialismus – und Günter Grass als Teil desselben – zwischen 1933 und 1945 Wirklichkeit werden ließen: Den ernsthaftesten, den bisher erfolgreichsten und den schrecklichsten jemals geschehenen Versuch, das Judentum und die Juden vollständig auszulöschen. Zur Begründung dieser Kritik ist der Wahrheitsgehalt der Vorwürfe nur sekundär wichtig. Man fühlt sich gut, man fühlt sich ein klein bisschen besser, wenn die Möglichkeit besteht, Schuld aufseiten Israels festzustellen, wodurch die eigene ein klein wenig relativierbar erscheint. Nicht jeder geht hier allerdings wie Grass aufs Ganze und stellt die ernsthafte Gefahr der ‚Auslöschung eines Volkes‘ durch Israel fest. Seine Besorgnis um das Wohlergehen der iranischen Bevölkerung scheint an diesem Punkt grenzenlos. Nur nebenbei sei die Frage aufgeworfen, warum Günter Grass nichts von seiner kostbaren Tinte opferte, als im Iran massive Unruhen und Proteste laut wurden, deren Ziel die Abschaffung der Islamischen Republik und die Befreiung von der Diktatur Mahmud Ahmadinedschads war. Völlig klar: Solidarität mit der Bevölkerung des Iran ist erst dann angebracht, wenn sie sich in Kritik an und Äußerungen gegen Israel manifestieren kann (vergleichbar hiermit ist die weithin vorgegebene Solidarität mit Palästinensern).
Über die obligatorische Beteuerung der ‚Freundschaft zu Israel‘, die modernen Antisemiten standardmäßig als Rechtfertigung ihrer Tiraden dient, kommt Grass schließlich zu der Aussage, die ‚Atommacht Israel gefährde[…] den ohnehin brüchigen Weltfrieden‘. Die kurze Übersetzung dieses Satzes in Bezug auf die Konfliktsituation zeichnet folgendes Bild: Israel lässt sich von einem nichtbeachtungswürdigen ‚Maulhelden‘ namens Ahmadinedschad viel zu sehr provozieren, eigentlich dienen dessen Aussagen nur als Vorwand, um die Vernichtung des Irans zu rechtfertigen. Es ist kaum notwendig zu analysieren, wie grundsätzlich diese Vorstellung der Realität widerspricht. Zur Frage, wieso sich in Grass‘ Kopf diese Verdrehung der Tatsachen einstellt, sei auf den letzten Absatz verwiesen.
Es bleiben die Fragen, wie jemand – egal vor welchem Hintergrund – bei der Betrachtung der aktuellen Beziehung zwischen Israel und dem Iran zum Schluss kommen kann, Israel sei der ‚Verursacher der Gefahr‘ und was Günter Grass mit dem Bild der ‚vom Wahnsinn okkupierten Region‘ sagen will. Durchaus möglich ist die Annahme, dass sich hier in der Art eines Freudschen Versprechers, eines unbewussten und unbeabsichtigten Bekenntnis‘ zum eigenen Bauchgefühl die Ansicht von Israel als – in Kreisen, in denen Grass‘ Äußerungen auf Zustimmung treffen, so durchaus geläufig – ‚Okkupierende Macht‘ des Nahen Ostens und somit als ‚Wahnsinn‘ manifestiert.
Unabhängig davon, ob die im letzten Satz geäußerte Annahme zutrifft, oder nicht, ist sicher: Wahnsinn ist die Tatsache, dass ein in die Jahre gekommener deutscher Literat, bekanntermaßen ehemaliges Mitglied der Waffen-SS, seine – scheinbar höchst wichtig genommene – ‚letzte Tinte‘ zu etwas nutzt, was tief in ihm steckt und endlich geäußert werden will: Unsägliche Unzufriedenheit mit der Existenz Israels.

Gutgemeinte Vergangenheitsbewältigung.

Der in jüngerer Vergangenheit aufgrund des Vorwurfs der Verharmlosung der Shoa, seines exzessiven Antikommunismus und seiner Miturheberschaft der ‚Prager Erklärung‘ Objekt der Kritik gewordene deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besucht Israel und dort, wie jeder offizielle Staatsgast zu Beginn seines Besuchs, die Gedenkstätte Yad Vashem. Wie jeder offizielle Besucher trägt auch er sich dort ins Gästebuch ein. Sein Eintrag ist ungewöhnlich ausführlich, er richtet sich, in gewisser Hinsicht an eine Predigt erinnernd, auf mahnende Weise direkt an den Leser:

„Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: Die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern – wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer. Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer – wie viele kennst du? Namen der Täter – deutsche zumeist – Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen. So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.

Joachim Gauck“

Man kann Joachim Gauck, sosehr es selbstverständlich seiner obligatorischen Pflicht als Oberhaupt des deutschen Staates entspricht, nicht absprechen, sich Mühe gegeben zu haben. Man kann ihm positiv unterstellen, ein Zeichen setzen zu wollen. Ein Zeichen der Solidarität mit Israel – „Und steh zu dem Land […]“ – ein Zeichen möglicherweise auch gegen die Kritik an seiner Person, die sich auf sein Verhältnis zum Gedenken an die Shoa bezieht. Explizit drückt er aus, welche Bedeutung er diesem Gedenken zumisst – „[…] sollst du wiederkommen.“. Er appelliert an den Leser, mahnt zum Gedenken, fordert auf, „mit[zu]fühlen“, zu „trauern“ – und, hoppla, „mitzuleiden“. Hier, an diesem einen Wort manifestiert sich – wohl unbewusst und sicherlich ohne jede böse Absicht – ein zutiefst deutsches Bedürfnis: Gauck will, Deutschland will mitleiden. Das Tätervolk will endlich auch zu den Opfern zählen und mit deren Nachkommen, mit Israel gemeinsam das schrecklichste Ereignis der Geschichte betrauern und darunter leiden. Deutlich offenbart sich der unterbewusste Wunsch, die Grenzen zwischen Opfern und Tätern endlich verschwimmen zu lassen. Dass es faktisch nicht möglich ist, mit den Opfern zu leiden, ist irrelevant. Endlich sollen die Nachfahren der Täter nun in Eintracht mit denen der Opfer leiden und die Geschehnisse des Nationalsozialismus voller Unverständnis und Abscheu betrachten. Joachim Gauck und Deutschland solidarisieren sich in aller Deutlichkeit mit den getöteten Juden. Mit Sicherheit ehrlich gemeint solidarisiert sich Gauck direkt danach, wie oben schon erwähnt, auch mit dem in Folge der Shoa entstandenen Staat Israel. Später, nach seinem Besuch der Gedenkstätte und bei anderer Gelegenheit geht er noch weiter, distanziert sich ausdrücklich auch von Günter Grass („Was gesagt werden muss“). Er geht zwar nicht ganz so weit, wie vor einiger Zeit Angela Merkel, lässt jedoch an seinem Standpunkt keinerlei Zweifel aufkommen. Zwar kritisiert er – in guter deutscher Manier – die israelische Siedlungspolitik, steht aber mit seinem Vorschlag einer Zwei-Staaten-Lösung noch auf einigermaßen sicherem Terrain. Der realitätsferne Charakter der Vorstellung einer friedlichen Koexistenz zwischen einem Hamas-regierten Staat Palästina und Israel und der Annahme, dass mit dieser Lösung alle Probleme behoben wären, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Auch Gaucks Standpunkt, dass die israelische Siedlungspolitik Grund der Schwierigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung sei, scheint ziemlich weit hergeholt.

Im Großen und Ganzen muss man ihm aber – bisher – zugutehalten, dass er sich tatsächlich Mühe gibt, die sensible Situation zu meistern. Sicherlich ist ihm kein böswilliger Antisemitismus, keine absichtliche Relativierung der Shoa zu unterstellen. Dass er dennoch, wie beschrieben, alte deutsche Bedürfnisse äußert, ist wohl kaum als bewusster Akt zu sehen, ist allerdings definitiv bezeichnend. Die Frage des etwaigen, sich in der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sozialismus/Stalinismus manifestierenden unterschwelligen Antisemitismus ist eine schwierigere und keinesfalls mit einem klaren ‚Nein‘ zu beantwortende. Das einzige, was Gaucks Verhalten und seine Äußerungen bei seinem Besuch in Israel deutlich machen, ist, dass sich in dieser Hinsicht an der Oberfläche nichts findet. Wer nicht tiefer gräbt und genauer analysiert, sondern bei direkten Aussagen zur konkreten Thematik stehenbleibt, und sicherlich auch Gauck selbst, findet bei Joachim Gauck ernstgemeinte Solidarität mit den toten Juden und, wohl als Folge dessen, auch mit den lebenden. Dass sich diese primär aus der Problematik der eigenen, deutschen Vergangenheit und der Bewältigung derselben ergibt, ist klar.

Wie problematisch das stückweise Verschieben der Realität und der Vergangenheit durch Kleinigkeiten wie Gaucks „mitleiden“ allerdings ist, steht auf einem anderen Blatt.

Sozialistischer Marxismus gehört endlich begraben – warum er weder Marx’ Theorie gerecht werden, noch ernsthafte Kritik an den Verhältnissen formulieren kann. Zur Kritik an Gewerkschaften, DDR-Nostalgie und anderem.

Zu Beginn sei gesagt, dass den hier kritisierten Inhalten eine Distanzierung von, in den besprochenen Zusammenhängen durchaus auch vertretenen, Theorien wie Keynesianismus oder anderen Vorstellungen von einer sozialen Marktwirtschaft und einem menschlichen Miteinander in Kapitalismus und Demokratie unterstellt wird. Wer solchen Theorien ernsthaft anhängt, bleibt mit jeglicher „Kritik“ tatsächlich noch hinter jeder, auf falschem Verständnis von Marx’ Theorie fußenden Meinung zurück.

Kritisiert werden soll ein gesellschaftlich weithin akzeptiertes und übernommenes Verständnis Marxscher Texte, das sich in ideologisierten Einstellungen und Begriffen wie ‚Marxismus‘ manifestiert.
Marx’ Schriften sind bekannterweise durchweg im späten 19. Jahrhundert entstanden und müssen, wie alle anderen Texte auch, im Kontext ihrer Entstehungszeit, nämlich einem weithin unfertigen, dabei aber in rasanter Entwicklung begriffenen Kapitalismus, betrachtet werden.
Die daraus folgende, logisch scheinende Aufgabe und Herausforderung beim heutigen Lesen älterer Texte, die Anspruch auf Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse erheben, ist gebührende Abstraktion und die Bereitschaft, auch herausragenden Theoretikern wie Karl Marx eine gewisse Verhaftung in die Umstände ihrer Zeit zuzugestehen.

Bei Nichtbeachtung dieser extrem relevanten Tatsache kann – wie auch jeglichen modernen Auswüchsen von Theorien, die solche Fehler machen, deutlich anzusehen ist – kein rein objektiver, rationaler Umgang mit Text und Gesellschaft mehr geschehen.
Die einzig verbleibende Möglichkeit, wenn dennoch eine Identifizierung mit Theorien und Analysen, deren Entstehungszeit mit ihren Umständen mit heutigen Verhältnissen nicht mehr vergleichbar ist, geschehen soll, ist eine Dogmatisierung und Ideologisierung der Inhalte.
Dieser Mechanismus greift grundsätzlich bei Inhalten, die im mangelhaften Textverständnis der Rezipienten nicht vereinbar oder gar unlogisch zu sein scheinen.
Jegliche Vermengung mit Ideologie ist – selbstredend – der Todesstoß für jede Theorie mit Anspruch auf Objektivität und selbstverständlich sind Vertreter derselben im weiteren genau die Akteure, die die scheinbare, gesellschaftlich mitunter auch unterstellte Überholtheit von Theorien in ihrem Auftreten und ihren Publikationen manifestieren und vollständig bestätigen.

Am praktischen, hier relevanten Fall betrachtet, muss konstatiert werden, dass die Beerdigung des exoterischen Marxismus der Arbeiterklasse und ihrer Theoretiker und Demagogen längst überfällig ist.
Jegliches Festhalten, jegliches Weiterverfolgen entsprechender Ansätze fügt dem Ansehen und der Chance Marxscher Theorie auf ernsthafte Auseinandersetzung immensen Schaden zu.
Gestalten, die MLPD-Fahnen schwenkend durch Innenstädte ziehen und mit nostalgischer Sozialismus-Symbolik verzierte Flugblätter verteilen, werden von der Gesellschaft absolut zurecht belächelt und als längst irrelevant gewordene Nostalgiker betrachtet, über die bestenfalls geschmunzelt werden kann und die mit der ernsthaften Problematisierung und Analyse heutiger Verhältnisse weniger als nichts zu tun haben.

Die von ihnen betriebene Reduktion Marx’ brillanter Analyse der Verhältnisse, ihr ideologieschwangerer Marxismus haben keinerlei ernstzunehmenden Anspruch mehr.
Sie scheinen nahtlos anzuknüpfen auf die massive Vereinnahmung und Ikonisierung, die Karl Marx durch die historische Arbeiterklasse seiner Zeit – nicht vollkommen schuldlos – erfahren hat.
Zur Ikone von Klassen- und Arbeitskampf gemacht, reduziert auf den systemimmanenten Teil seiner Kritik, scheint er tatsächlich jeglichen Anspruch auf Objektivität verloren zu haben.
Die historische Verbindung von Marx und seiner Theorie mit solchen innerkapitalistischen Auseinandersetzungen kann möglicherweise als das denkbar schlimmste angesehen werden, was geschehen konnte.
Der Ansatz des Klassenkampfes an sich ist als nichts anderes zu betrachten, als wichtiger Teil kapitalistischer Entwicklung:

„Der Begriff der Modernisierung war […] nicht so eindimensional wie heute, sondern mit einer Art innerkapitalistischen Kritik (man könnte auch sagen: einer fortschreitenden inneren Selbstkritik des noch unfertigen Kapitalismus) aufgeladen.
Dies um so mehr, als es sich dabei um einen scheinbar sehr klar bestimmbaren Interessenkampf handelte. Einerseits neigten die selber noch mit vormodernen Denk- und Verhaltensmustern ausgestatteten Kapitalisten-Subjekte des 18. und 19. Jahrhunderts dazu, die von ihnen genutzten Lohnarbeiter paternalistisch und mit autoritären Herrenallüren wie persönlich Abhängige zu behandeln, obwohl es sich bei der ‚freien Lohnarbeit’ der Form nach um Rechtsverträge unter Gleichen handeln musste. Andererseits klagten die Lohnarbeiter und ihre zunächst staatlich unterdrückten Organisationen genau diesen Charakter rechtsgleicher Vertragsverhältnisse gegen den vordergründig persönlichen Herrschaftscharakter des empirisch noch nicht seinem logischen Begriff entsprechenden Kapitalverhältnisses ein. Genau deshalb aber wurde der Klassenkampf zum Motor der der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte, und die Kapitalismuskritik gegenüber den persönlichen Eigentümer-Kapitalisten entsprach in Wahrheit nur der reinen Logik des Kapitalismus selber, nämlich der Logik eines Systems strikter formaler Egalität von abstrakten Individuen, die gewissermaßen als Atome eines ihnen gegenüber verselbständigten ökonomischen Prozesses gesetzt sind.“

Den – schon in seinen Anfängen – rein systemimmanent wirksamen Ansatz des Klassenkampfes in heutiger Zeit immer noch zu verfolgen, spricht jedem Anspruch auf kritische Theorie schlicht und einfach Hohn. Er scheint, von seinem hohen Stilisierungsgrad abgesehen, nichts anderes zu sein als die, für den Kapitalismus unabdingbare, Auseinandersetzung der innerkapitalistischen objektivierten Individuen und Charaktermasken, existenziell wichtig für die Weiterentwicklung und weltweite Ausbreitung des Kapitalismus von seinem Stand zu Zeiten Karl Marx’ bis heute.
Er versteht und berücksichtigt in seinen Grundsätzen die Tatsache nicht, dass der bloße Kampf gegen Repräsentanten verschiedener kapitalistischer Charaktermodelle sinnloser als Nichtstun ist.
Hierfür relevante, ja bezeichnende Textstellen des „Kapitals“ scheinen seine Akteure überlesen, nicht verstanden oder ignoriert zu haben:

„Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der de Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Heutiges Gebaren von Gewerkschaften, ‚volksnahen‘ Parteien und Akteuren ähnlicher Coleur passt perfekt in dieses Bild.
Diesem Ansatz folgend ist die Idee des Klassenkampfs als Mittel und Weg zur Überwindung der Verhältnisse unweigerlich abzulegen, da sie keinerlei Erfolg verspricht und durch ihren bereits erwähnten, extrem ideologisierten Charakter jedem anderen Ansatz massiv im Weg steht.

Um den Ansätzen der angesprochenen Akteure ernsthaft widersprechen zu können, muss erkannt und benannt werden, welche Fehlannahmen ihren Ansichten zugrunde liegen.
Nicht umsonst findet in ihren Reihen deutlich positiver Bezug auf die erbärmlichen Verhältnisse in DDR und Sowjetunion als vermeintliche Gegenentwürfe zum modernen Kapitalismus statt.
Von all diesen, große Reden schwingenden und bei jeder Gelegenheit auf ihre theoretische Beschlagenheit hinweisenden politischen Akteuren wird der mit grundsätzlichste Teil Marxscher Theorie nicht erkannt, sein Bestehen durch Dogmatisierung und die Fixierung auf andere Aspekte und diesem Punkt scheinbar widersprechende ‚Wahrheiten’ geleugnet.
Die Tatsache, dass die im letzten Jahrhundert gekommenen und gegangenen scheinbaren Gegenentwürfe zum Kapitalismus nie etwas anderes waren und sein konnten, als Ausdrücke seiner inneren Ungleichzeitigkeit, als Bilder vorzeitiger kapitalistischer Entwicklungsepochen in Verbindung mit autoritären Staaten, die immensen Aufwand betrieben, um die immense Tristesse der von ihnen gesicherten Verhältnisse ideologisch aufzuwerten, scheint ihnen verborgen zu bleiben.
Die für diese Feststellung absolut ausreichende, eigentlich offensichtliche Erkenntnis, dass ‚Systeme‘, in denen Lohnarbeit und Akkumulation von Kapital, egal, ob von Privatakteuren oder, wie in der DDR der Fall, von staatlicher Seite ausgeführt, die grundsätzlichsten Elemente des Kapitalismus teilen und demzufolge nichts anderes sein können als ebendieser, bleibt ihnen ebenso verwehrt.
Selbiges gilt für Kritiker Marxscher Theorie, die sich in irgendeiner Art und Weise auf diesen ‚Real existierenden Sozialismus‘ beziehen.

Die immerzu geschehende Suche nach Verantwortlichen, nach Regenten, nach Herrschenden, die anzugreifen ein Ende des Kapitalismus herbeiführen soll und das Festlegen der eigenen Identität in einer maßlos heroisierten, aus welchen Gründen auch immer als unschuldig leidend und kritikunwürdig eingestuften „Arbeiterklasse“ machen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Verhältnissen unmöglich. Sie haben den momentanen Stillstand zwingend zur Folge. Radikalste Auswüchse dieses Kritikverständnisses wie die in Deutschland unlängst aktive RAF, ihre tiefe Unsinnigkeit, ihre nicht vorhandenen Aussichten auf irgendwie gearteten Erfolg machen das allzu deutlich.
Die Methode der RAF, als selbsternannte ‚Großstadtguerilla’ in den ‚Krieg gegen das System’ zu treten, ist nichts anderes als die radikale Fort- und Ausführung des Klassenkampfgedankens.
Bomben zu legen und Vertreter der ‚herrschenden Klasse’ und des ‚Imperialismus’ zu ermorden, ist die einzig konsequente Schlussfolgerung aus dem Gedanken, dass durch Austausch der Ausführenden die Struktur des Kapitalismus wie auch immer geartet ins Wanken gebracht werden könnte.
Auf weitere ideologische Verwirrungen der RAF-Akteure soll hier aufgrund der Tatsache, dass es den gesteckten Rahmen sprengen würde, nicht weiter eingegangen werden, zumal Fürchterlichkeiten wie ‚Antiimperialismus’ und dergleichen zumindest innerhalb theoriebezogener ‚linker’ Strukturen weitestgehend im Verschwinden begriffen zu sein scheinen.
Nichtsdestotrotz wird in weiten Teilen der selbsternannten (deutschen) Linken vehement an diesen zum Dogma erklärten Klassenkampfansätzen festgehalten. In bester Stammtischmanier wird auf die bösen Bosse geschimpft, sich in Gewerkschaften organisiert und alles getan, um die eigene maßlos unzulängliche Kritik nicht überdenken und die eigene Verantwortung nicht erkennen zu müssen.
Viel mehr als alle Gesichter der vermeintlichen Kapitalistenklasse sind Vertreter ideologisch hochstilisierter, absolut unzureichender und romantischer Kritikansätze für das Bestehende verantwortlich zu machen, da sie allen Chancen auf grundsätzliche Analyse und Überwindung absolut im Weg stehen. Genau dort machen sie schließlich ihre eigene Identität, ihre Daseinsberechtigung aus.
Man fühlt sich wohl, kennt sich, weiß, wen man hassen, wen man lieben muss und worüber man in wunderbarem Einklang mit der Volksseele zu schimpfen hat. Diese harmonische Koexistenz fußt direkt auf der Unzulänglichkeit und dem mangelnden Interesse an ernsthafter Kritik, da jeder weitergehende Ansatz sie grundsätzlich unmöglich machen würde.
Beispielsweise müsste die Erkenntnis der tatsächlichen Rolle von Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen zu ihrer sofortigen Auflösung führen, wie, nebenbei bemerkt, jede radikale Veränderung der Verhältnisse.

Dass dies nicht abzusehen ist und in naher Zukunft allem Anschein nach kaum geschehen wird, hängt grundsätzlich mit dem beschriebenen mangelnden Interesse, dem immensen Bedürfnis nach vorgegebener Identität und weitverbreitetem Unverständnis marxscher Theorie zusammen.
Das feststellend versucht dieser Text also, als Anreiz und Aufforderung zu neuerlicher, ernsthafter Auseinandersetzung mit dieser zu fungieren.
Zu fordern ist nicht weniger als die Kritik an allem Bestehenden in seinen Grundsätzen, die hierfür allerdings eben erst verstanden und benannt werden müssen, wozu die im vorigen inflationär bemühte marxsche Theorie unfassbar dienlich, sinnvoll und treffend ist. Notwendig ist anfangs nicht mehr, als schlicht die Bereitschaft, gewohnte Positionen und Identifikationen zu reflektieren und aufzugeben.

(1) Robert Kurz: Marx lesen! Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert. Dritte Auflage, 2008. S. 20.
(2) Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band. Vorwort zur ersten Auflage, 1867.

Kritik vs. Polemik.

Die Braunhemden vom Millerntor. Der Hamburger Heimatschutz gegen moderne Unzumutbarkeiten“ – Ein journalistischer Höhenflug von Andreas Reschke, publiziert in ‚Bonjour Tristesse‘ .

Bereits die Überschrift macht die Intention des Autoren deutlich: Es soll nicht etwa eine kritische und objektive Betrachtung der Fanszene des FC St. Pauli vorgenommen werden, sondern mit allen – nach Meinung des Autors – zur Verfügung stehenden Mitteln auf die Fanszene eingedroschen werden. Gleichzeitig disqualifiziert sich Reschke mit der von ihm gewählten Formulierung „Die Braunhemden vom Millerntor“ bereits im ersten Satz völlig. Die in dumpfer Doppeldeutigkeit daherkommende Formulierung „Braunhemden“, bezogen auf Braun als Teil der Vereinsfarben des FCSP und natürlich auf die Braunhemden des Nationalsozialismus, ist absolut fehl am Platz. Bei aller, teilweise durchaus berechtigten, Kritik am Umfeld des FC St. Pauli – plumpe NS-Vergleiche und die Relativierung des Nationalsozialismus, die sie grundsätzlich beinhalten, sind weder in diesem Kontext noch anderswo angebracht und von Organen wie „Bonjour Tristesse“ im Normalfall auch nicht zu erwarten. Wer das ignoriert und weiterliest, stößt im weiteren Verlauf des Textes auf mehrere betrachtungswürdige Passagen:

„[…] wenn heruntergekommene Bauwagenplätze von den Behörden für illegal erklärt werden oder ein Naziauflauf in einem Hamburger Vorort ansteht, darf beim nächsten Heimspiel mit einem Solidaritätsspruchband von „Ultrà St. Pauli“ („USP“) gerechnet werden.“

Korrekt. Was hier allerdings nicht klar wird ist eine Begründung oder gar Rechtfertigung des abwertenden Tonfalls. Wo ist der Ansatzpunkt für die scheinbar implizierte Kritik? Die in der dazugehörigen Fußnote formulierte Kritik am von USP (Ultrà Sankt Pauli) gegründeten Alerta-Network ist so willkürlich, dass jede Antwort darauf von vornherein verschwendet scheint. USP und – im Kontext – der ganzen Fanszene des FCSP das Fehlverhalten der ‚Schickeria München‘ vorzuwerfen, ist um einiges zu weit hergeholt. Die einzig interessante Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist die, ob die erwähnte Ultra-Gruppierung ‚Infamous Youth‘ aus dem Umfeld des SV Werder Bremen Reschkes Meinung nach einen positiven Gegenentwurf zu USP darstellt.

„Sexismus, Rassismus und Homophobie werden geradezu mantrahaft kritisiert.“

Ebenso korrekt. Doch hier wie oben: Was ist daran kritikwürdig? Es stellt sich die Frage, was in den Augen des Autors das richtige Maß an Kritik wäre, dessen Überschreitung der Begriff „mantrahaft“ ankreidet.

„Dazu kommen Tibet-Flaggen, Anti-Atom-Bekenntnisse und vollbärtige Träger des „Palästinenser-Tuches“, die zum „Millerntor“ gehören wie lila Strähnchen zur Frisur in Plattenbauvierteln.“

Definitiv ebenso kritikwürdig wie die im Vorherigen erwähnten Sympathiebekundungen für Che Guevara. Hätte sich Reschke nicht bereits hier längst selbst jede journalistische Qualifikation abgesprochen, wäre – und ist anderweitig – dieser Kritikpunkt durchaus diskussionswürdig.

„Später, als die Rostocker Ultras auftauchten, die eher normal unangenehm waren, pflegte man auch weiterhin das Feindbild „Nazi-Rostock”, um den erlebnisorientierten Anhängern des „FC St. Pauli” eine politische Legitimation für ihr Bedürfnis nach Randalen zu geben.“

Jeder Verein hat seine Derbys und jeder Verein hat seine bei Derbys ausrastenden Fans. Ob das gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, sei dahingestellt. Die ‚Feindschaft‘ zwischen den Fans des FC St. Pauli und denen des FC Hansa Rostock ist definitiv nicht hauptsächlich politischer Natur. Ihr eine politische Komponente und der Rostocker Fanszene rechte Anteile aber komplett absprechen zu wollen, ist blanker Unsinn. Von der erwähnten Pflege des „Feindbild[s] ‚Nazi-Rostock‘“ ist im übrigen wenig zu spüren.

„Die „St.-Pauli“-Fans gleichen in vielerlei Hinsicht ihrem politischen Gegner.“

Und wieder. Wenn man Sankt Pauli-Fans schon unbedingt als politische Gruppierung betrachten will, gut. Aber dann bitte ohne Bezug auf extremismustheoretischen Unsinn.

Zum Thema Jolly Roger und Piraten:

„die brutalen Banden der Gegenwart, die den Arbeitsknechten der Reedereien schlaflose Nächte bereiten“

Die Frage, die sich hier zwangsläufig stellt, ist die nach der Motivation der benannten „brutalen Banden“. Hier sei dazu nur kurz erwähnt, dass die Lebenssituation der Menschen, um die es hier geht, im Regelfall keine ist, die sonderlich viele Optionen zur Lebensgestaltung bereithält. Lebenslanges Nagen am Hungertuch oder der, wenn auch natürlich nicht empanzipatorisch motivierte, Kampf um die Teilnahme am kapitalistischen Zirkus – Herr Reschke, ihre Wahl?

„Der „Kiez“,4 den übrigens nur die wenigsten „St.-Pauli“-Fans tatsächlich bewohnen, wird als gallisches Dorf beschrieben, das vor dem Zugriff der Polizei, vor Nazis und Yuppies beschützt werden muss. In den Stadtteilen „St. Pauli“ und „Schanzenviertel“ ist das linke Gefühl, „anders“ und „alternativ“ zu sein, zuhause. Hier weiß man, dass das Trikot braun-weiß und die Gesinnung rot zu sein hat.“

Der Sinn des Kritikpunkts, dass nicht alle Fans des FC St. Pauli das gleichnamige Hamburger Stadtviertel bewohnen, erschließt sich vermutlich nur dem Autoren des Textes. Der im Anschluss aufgezeigte Lokalpatriotismus ist definitiv vorhanden und kritikwürdig, betrifft allerdings ebenso definitiv nicht die ganze Fanszene und erfährt im Umfeld des FC St. Pauli deutlich mehr Reflektion und Widerspruch als bei den, in erneuter mantrahafter Gleichsetzung erwähnten, „Nazifans des ‚Lauchaer BSC 99‘ oder des ‚1. FC Lok Leipzig‘“, deren erwähnenswerte Existenz in vorhergegangen Absätzen von Herrn Reschke, nebenbei bemerkt, geleugnet wird, was notwendig ist, um das dargestellte Bild von sich selbst politische Berechtigung gebenden antifaschistischen FCSP-Fans zu konstruieren. Die anklingende Kritik am, in Hamburg genauso wie anderswo, geführten Kampf gegen Gentrifizierung – ihre Berechtigung sei dahingestellt, ist aber keinesfalls komplett abzustreiten – trifft die Fanszene des FCSP in keiner Weise im hier dargestellten Ausmaß. Komplett verschwiegen werden Ansätze auch innerhalb der Fanszene des FC St. Pauli, die dem Thema Gentrifizierung und der Kritik an der selben durchaus reflektierter gegenübertreten als dargestellt. Das gezeichnete Bild sämtlicher FCSP-Fans als dumpf-bauchlinke, theoriefeindliche Working-Class-Ideologen ist schlichtweg komplett falsch.

„Das Problem ist, dass selbstverständlich auch beim „FC St. Pauli“ ein Management das Unternehmen führen, Gewinne einfahren, Sponsorenverträge an Land ziehen und die Einnahmen und Ausgaben kalkulieren muss. Diese notwendige Orientierung sorgt dafür, dass sich sowohl die Vereinsspitze als auch die „St.-Pauli“-Fans immer wieder in Widersprüchen verzetteln – und die Fans regelmäßig auch in Konflikt mit dem Management geraten. Denn gerade der Klub, der mit seinem erfolgreichen Merchandising5 viele Traditionsvereine aus der 1. Bundesliga in den Schatten stellt, lebt von seinem vermeintlich unkommerziellen Auftreten. Das linke Image des Vereins entwickelte eine Ausstrahlungskraft, von der andere Vereine nur träumen können. 15.000 Vereinsmitglieder, fast genauso viele Dauerkartenbesitzer, Totenkopf-Sabberlätzchen für Kleinkinder, „St.-Pauli“-Ohrenschützer und -Gummistiefel sind eindrückliche Belege dafür, dass die Nische, ein „anderer Verein“ zu sein, durchaus lohnenswert ist. Da aber TV-Gelder und der Verkauf von Fan-T-Shirts (den Totenkopf als Marke musste der „FC St. Pauli“ in Zeiten finanzieller Not an ein externes Unternehmen veräußern) nicht ausreichen, um dauerhaft in den Profiligen zu bestehen, sah sich die Geschäftsführung dazu gezwungen, die Strukturen im Verein gewinnbringend zu professionalisieren.“

Abgesehen davon, dass nicht klar wird, was am ökonomischen Erfolgskonzept, „ein ‚anderer Verein‘ zu sein“, kritikwürdig ist, widerspricht sich Herr Reschke in dieser Passage und im dazugehörigen Kontext grundsätzlich selbst. Implizierte Kritik an dumpf-antikapitalistischen Fans fällt in einen Topf mit Kritik am ökonomischen Erfolgskonzept des Vereins und dessen Früchten. Was nun schlimmer ist, die dummen Fans, die die kommerziellen Strategien aufgrund der Authentizitätseinbußen, die diese mit sich bringen, anprangern, oder der Verein, der durch seine kommerziellen Strategien vermeintlich an ‚Authentizität‘ verliert, wird nicht klar.

„Mit der zentralen Forderung „Bring back St. Pauli“ ist gemeint, dass man die notwendige Modernisierung des Vereines ablehnt und sich etwas ‚Ursprüngliches‘ wünscht. Dass dieses Ursprüngliche wenig mit Ursprüngen zu tun hat, zeigt nicht zuletzt die Geschichte des „FC St. Pauli“ selbst: Denn bevor die Hausbesetzer der Hafenstraße in den 1980er Jahren begannen, ins Millerntorstadion zu gehen, unterschied sich der Verein kaum von anderen Klubs. Die Punks und Autonomen mussten sich zunächst handfest gegen die bestehende Fanszene durchsetzen, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus Nazis und Prolls bestand.“

Niemand bei der Sozialromantiker-Initiative, in deren Umfeld oder sonstwo setzt sich für den Erhalt des FC St. Pauli, wie er vor der Einflussnahme der Hausbesetzerszene in den 1980’er Jahren war, ein. Warum ist diese Vorgeschichte also erwähnenswert? Die Erwähnung der Historie an dieser Stelle wäre nachvollziehbar, wenn sie von Verein und Fans zugunsten eines künstlichen Bildes vom ‚seit jeher linken Verein‘ verschwiegen werden würde, was aber absolut nicht zutrifft. Ein Punkt mehr in der Liste der zusammenhang- und sinnlos angeführten polemischen Pseudokritik-Ansätze Reschkes.

„Eine Fanszene, die Werte jenseits des Mainstreams verteidigen will, muss sich auch selber fragen, wie sehr sie diese Werte eigentlich noch lebt und verteidigt.“

Hier ist sie also, die laut Reschke fehlende Selbstreflexion im Sumpflinken Melting-Pot Millerntor. Sie wird jedoch nicht, wie vielleicht erwartbar, positiv aufgefasst, sondern dient nun ihrerseits als Kritikpunkt. Seiner Meinung nach ist sie Ausdruck reaktionärer Fortschrittsverweigerung. Widersprüche jagen Widersprüche.

„Der Antifaschismus des „FC St. Pauli“ ist angesichts der faktischen Absenz von Nazis am „Millerntor“ lediglich Ausdruck eines reinen Gewissens“

Scheinbar ist deutlich formulierter Antifaschismus als Grundsatz für Herrn Reschke nur solange berechtigt, wie sich Nazis vor der eigenen Haustüre tummeln und wird obsolet, ja negativ, sobald er sich gegen solche richtet, die andernorts – in diesem Fall in anderen Stadien – präsent sind. Abgesehen davon, dass Reschke noch unsicher zu sein scheint, ob es diese denn nun überhaupt gibt, oder nicht (s.o.), scheint er davon überzeugt zu sein, dass der – im Gegensatz zu anderen Fanszenen zum Konsens gehörende – Antifaschismus im Umfeld des FCSP nichts weiter als identitäres Gehabe und Selbstbefriedigung darstellt. Die Frage, ob die erwähnte „faktische Absenz von Nazis am ‚Millerntor‘ möglicherweise Folge und Ausdruck dieses Antifaschismus ist, stellt sich ihm genauso wenig wie die, die sich den, nun zum Ende gekommenen, Leser_innen seines Textes unweigerlich stellt: Was veranlasst Reschke zu derart unreflektierter und polemischer Kritik an der einzigen Fanszene im Bereich des deutschen Profifußballs, in der emanzipatorische Ansätze mehr Platz finden, als stumpfer Lokalpatriotismus, Homophobie und Sexismus? Was ist das Problem daran, dass es beim FCSP nicht Standard ist, dass Fans fast ausschließlich heterosexuelle deutsche Männer sind, die viel Bier trinken? Eine Antwort auf diese Frage bleibt der Text schuldig. Schade.