Archiv für Januar 2013

QT.

„Amerika ist für zwei Holocausts in seinem Land verantwortlich: Für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern in der Zeit des Sklavenhandels […] das wird ihnen als Deutsche seltsam vorkommen. Sie sind alle gezwungen worden, sich bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder mit der Schuld ihres Volkes auseinanderzusetzen. Den Amerikanern ist es gelungen, irgendwie darüber hinwegzugleiten.“ (1)

Bei der Premiere seines neuen Films Django Unchained in Berlin beantwortete Regisseur Quentin Tarantino mit diesen Worten die Frage, ob und in welcher Form Parallelen zwischen Django Unchained und einem seiner älteren Filme, Inglorious Basterds, bestehen.
Es ergibt sich die Frage – wenn überhaupt, in den Medien bisher allerdings nur in Form der Vorhersage eines gewaltigen, aber vollkommen ungerechtfertigten Shitstorms, der Tarantino nun erwartet, formuliert – ob und wenn ja, warum, der Inhalt dieser Aussage kritikwürdig ist.

Wie fällt also die öffentliche Rezension dieser Äußerung Tarantinos aus?
Wie bei zahlreichen anderen Gelegenheiten (in jüngerer Vergangenheit bieten sich vorallem Günter Grass und Jakob Augstein an), ist die Bereitschaft in der deutschen Gesellschaft, derartige Aussagen mit allem Mitteln zu verharmlosen, zu verteidigen und ihre Kritiker zu denunzieren, enorm.
Die Argumentationsstruktur ist hierbei stets dieselbe.
Man sagt voraus, dass der für die Aussage verantwortlichen Person die Ächtung und Diffamierung als Antisemit bevorsteht, solidarisiert sich vor diesem Hintergrund mit der Person und prangert vorsorglich das Schwingen der Antisemitismus-Keule an, das man völlig selbständig herbeihalluziniert. Die Leute, die als erste von Antisemitismus sprechen, sind im seltesten Falle die, die diesen attestieren und kritisieren wollen. Im Normalfall sind es diejenigen, die klarstellen wollen, dass er in keinster Weise eine Rolle spielen kann.
Wie die jeweilige darauf fußende Argumentation im Weiteren aussieht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Häufig wird – in der Regel referenzlos – betont, dass die betroffene Person ein ausgewiesener Freund Israels und aller Juden sei (zwischen Israel und aller Juden wird hierbei in der Regel fälschlicherweise nicht unterschieden).
Manchmal weist man darauf hin, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffs Antisemitismus ebendiesen stärke (die Perfidie dieses Arguments ist an anderer Stelle ausführlich dargestellt).
In selteneren Fällen wird die Person zum Opfer einer – im besten Nazijargon benannten – Holocaust-Industrie erklärt, wenn sie sich durch die betroffene Aussage Kritik einhandelt. Man solidarisiert sich hier nicht nur mit Aussage und Person, sondern unterstellt gleichzeitig mehrere Punkte:
Zum einen die Existenz einer wirtschaftlichen Clique, die vom Gedenken an die Shoa profitiert, dieses deshalb logischerweise fördert und alles mit Schmutz bewirft, was ihren wirtschaftlichen Interessen zuwiderlaufen könnte, zum anderen einen extrem hohen Einfluss dieser Clique, der sich über Presse, Politik und öffentliche Meinung erstreckt.
Vorstellungen einer jüdischen Weltmacht gehören zum absoluten Grundrepertoire sämtlicher Spielarten des Antisemitismus, ihre Äußerung gleicht gewissermaßen einem Offenbarungseid.

Wie ist das Gesagte auf rationaler Ebene zu betrachten?
Quentin Tarantino machte bisher ausschließlich durch die Schaffung von Filmen, die sämtlich dem Bereich des Trashfilm zuzuordnen sind, auf sich aufmerksam. Er ist kein sonderlich talentierter öffentlicher Redner und konnte in der Vergangenheit nie durch qualifizierte politische Äußerungen glänzen. Was ihn dazu bringt, ausgerechnet bei diesem Thema und diesem Film als – in welcher Form auch immer – politisch motiviert aufzutreten, ist unklar und der Fall unglücklich.
Dennoch ist das Geäußerte als das zu behandeln, was es ist, nämlich höchst unreflektiert und falsch.
Zu konstatieren, dass „Amerika […] für zwei Holocausts verantwortlich“ ist, impliziert eine weit größere Schuld Amerikas, als die Deutschlands, das schließlich nur eine Shoa zu verantworten hat, überhaupt sein kann.
Die Ereignisse, von denen er spricht, sind einer Besprechung absolut würdig und keinesfalls zu verharmlosen.
Sie sind aber – und das ist in Hinsicht auf seine Aussage entscheidend – nicht in gleichstellende Relation mit der Shoa zu setzen. Beiden, sowohl dem Mord an und der Vertreibung von Indianern in Nordamerika, noch der Gesamtheit der Sklaverei in allen Ausprägungen, fehlt das Grundsätzliche des Holocaust, die Motivation des Mordens durch das Morden selbst, das Element des Tötens als Selbstzweck und seine industrielle, systematisch durchgeplante Ausführung.
Der Antisemitismus in seiner ganzen Komplexität und der eliminatorische Antisemitismus des Dritten Reichs im Speziellen finden in beiden Fällen – wie in der gesamten Geschichte – kein Pendant. Zusätzlich zu nackten Zahlen und Fakten und historisch unübertroffener systematischer Grausamkeit bedingt dies die historische Singularität der Shoa, die durch Aussagen wie die Tarantinos faktisch geleugnet wird.
Die in Weiteren folgende Behauptung, dass die Auseinandersetzung mit der Shoa in Deutschland gezwungenerweise – hier stellt sich die Frage, wer diesen Zwang ausübt – bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder stattfindet und -fand, ist nicht nur völlig falsch, sondern zeichnet ein klares Bild: Nicht reflektierenden, gedenkenden, schuldbewussten Amerikanern gegenüber stehen fast schon zu aufgeklärte Deutsche, deren – von scheinbar interessierten Kreisen oktruierter – Umgang mit der Vergangenheit ein leuchtendes Vorbild darstellt, gegenüber.
Man fühlt sich erinnert an verschiedene dementsprechende Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin:

„[…] ein Mahnmal, wo man gerne hingeht.“ (Altbundeskanzler Gerhard Schröder sagt, was er sich wünscht)
„Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ (Historiker Eberhard Jäckel beschreibt das Ergebnis)

Diesem deutschen Selbstverständnis, das Gedenken und -kultur längst als äußerst brauchbar im Vergleich mit anderen Nationen erkannt hat und sich so im Endeffekt, wie Jäckel ohne Umschweife ausspricht, mehr oder weniger glücklich schätzt, das Grauen der Shoa auf seiner Seite im Kampf um das Gedenken zu wissen, spielt Tarantino auf seinem neu entdeckten Weg zum Pop-Politologen direkt in die Hände. Er liefert den ohnehin hochgradig antiamerikanisch eingestellten Deutschen neues, brauchbares Material im kulturellen, pseudopolitischen und moralischen Kampf gegen die USA. Im Gegensatz zu den meisten seiner deutschen Gesinnungsgenossen hat er – was seine Aussagen umso wertvoller macht – keinerlei Scheu, ganz offen in einem Atemzug die Worte Holocaust, Amerika und zwei zu nennen. Nicht länger kann sich die moralische Überlegenheit der deutschen Gesellschaft nur auf die Gegenwart beziehen, während sie sich das dunkle Kapitel des deutschen Judenmordes nur durch exzessives Hinweisen auf die längst geschehene Läuterung zunutze machen kann. Tarantino schafft – sicherlich völlig ohne entsprechende Absicht – eine Möglichkeit, die Shoa als einziges deutsches Verbrechen den – direkt dagegengestellten – zwei gleichwertigen amerikanischen gegenüber erträglich erscheinen zu lassen.

Ihm ist wohl kaum zu unterstellen, dass das seine Absicht war. Filme in der Art derer Quentin Tarantinos brauchen, um überhaupt zu funktionieren, klare Schemata, innerhalb derer weder differenziert, noch abgestuft werden kann. Adolf Hitler in Inglorious Basterds bleibt schlicht nichts anderes übrig, als in der selben Liga zu spielen, wie Sklavenhalter in Django Unchained. Tarantinos Filme brauchen personalisierte Bösewichte, damit das stattfinden kann, was die Filme ausmacht: Die blutrünstige Inszenierung ihrer Bekämpfung.
Scheinbar war schlicht und einfach etwas notwendig, was bei all seinen vorhergegangen Filmen vollkommen unnötig und glücklicherweise nicht vorhanden war:
Eine politische Erklärung für stundenlang zelebrierte, völlig ausufernde Gewalt. Dass diese in all ihrer Unnötigkeit derart schlecht gewählt wurde, ist schade.

(1)