Hamas, Hisbollah, Butler & ‚die globale Linke‘

„Ich glaube, es ist extrem wichtig, Hamas und Hisbollah als soziale, progressive Bewegungen zu verstehen, die zur Linken gehören, die Teil der globalen Linken sind.“ (1)

Dieses Zitat, das nicht etwa, wie anzunehmen, aus einer Schrift Palästina-solidarischer Antiimperialisten stammt, sorgte vor einiger Zeit für einigen Tumult.
Zuzuschreiben ist es Judith Butler, diskutiert wurde es vorallem im Vorfeld der Verleihung des diesjährigen Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt an diese.

Judith Butler gilt allgemein als bedeutende Philosophin dieser Zeit, ist unter anderem befasst mit Queer-Theorie, Feminismus, Geschlechterrollen und engagiert gegen Homophobie. Soweit, sogut.
Ebenso engagiert ist Butler allerdings unter anderem bei der Initiative ‚Boycott, Divestment & Sanctions‘ (‚BDS‘), einer Kampagne, die sich den internationalen Boykott israelischer Güter und verschiedene andere, als Sanktionen bezeichnete, anti-israelische Aktionen zur Aufgabe gemacht hat.
Schon hier lässt sich leicht erkennen, mit welchen Augen Judith Butler auf die Situation im Nahen Osten schaut. Sie sieht Israel als imperialistische Besatzungsmacht. Selbstverständlich ist sie – genauso wie ‚BDS‘ – in keinster Weise antisemitisch motiviert. Man begreift sich als antizionistisch, ist damit harmlos und in weiten Teilen der Gesellschaft und vorallem der benannten ‚globalen Linken‘ voll akzeptiert.

Nun ist es vor diesem Hintergrund sehr interessant, Butlers Aussage zu Hamas und Hisbollah genauer zu betrachten und zu analysieren, was ihre Aussage im Endeffekt bedeutet.
Wie von ihr selbst in einer späteren Stellungnahme gesagt, beinhaltet eine solche Zuordnung (im Zitat werden Hamas und Hisbollah der ‚globalen Linken‘ zugeordnet) als erstes eine Festlegung von Kriterien, die die Zuordnung rechtfertigen und bestimmen.
Was also sind die Kriterien, die Hamas und Hisbollah zu Teilen der globalen Linken machen?
Es bestehen wenige Übereinstimmungen zwischen den beiden Gruppierungen und – logischerweise als Vergleichsobjekt gewählt – Judith Butler, obwohl ihrer Aussage nach beide als Teil der Linken zu begreifen sind. Auf der einen Seite die moderne Philosophin, engagiert im Kampf gegen Homophobie und für die Gleichstellung Homosexueller, auf der anderen Seite die männlichen, fanatisch religiös motivierten Kampfgruppen, deren Weltbild zufolge Butlers Engagement gegen Homophobie allein schon Grund genug zur Steinigung wäre. Auf der einen Seite die Ethik der Gewaltlosigkeit, auf der anderen Seite der paramilitärische Kampf aus reinem Vernichtungswillen.
Was also kann Kriterium für die Zuordnung solch rückschrittlich orientierter Zusammenschlüsse zur globalen Linken, für ihre Einstufung als progressiv und sozial, sein?

Einziges gemeinsames Merkmal von Judith Butler, Hamas und Hisbollah ist der – natürlich auf höchst unterschiedliche Art und Weise geführte – Kampf gegen Israel,
was nun bedeuten muss, dass die – sicherlich reflektierte und sprachgewandte – Philosophin Butler die Zuordnung von (Kampf-)Gruppen zum Feld der globalen Linken nach dem alleinstehenden Kriterium der Abneigung gegen Israel vornimmt.
Ist simpler Judenhass ausreichend, um von der ‚globalen Linken‘ unter die Fittiche genommen zu werden? Für Judith Butler definitiv ja.

Selbstverständlich fanden verschiedene Gruppierungen und Personen zu Kritik an der – oben erwähnten – Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an Butler.
Nichtsdestotrotz wurde ihr der Preis verliehen. Sie selbst äußerte sich an verschiedener Stelle zu der geübten Kritik.
Am Beispiel ihrer Stellungnahme in der taz
wird schnell deutlich, dass die Dimension und Ebene der Kritik ihr unverständlich bleibt:

„Ich verstehe, woher die Vorbehalte kommen. Wenn wir sagen, eine Gruppe „gehört“ zur globalen Linken, dann verwenden wir zweifellos Kriterien, um die Bedingungen von Zugehörigkeit zu definieren. Daraus ergibt sich die Frage, welche Kriterien habe ich verwendet? Habe ich gesagt, dass Antiimperialismus als Voraussetzung ausreicht, um der globalen Linken zuzugehören?
[…]
Ich bin überzeugt davon, dass Kritik an meiner Äußerung von der Annahme herrührt, ich hätte gesagt, Antiimperialismus sei als Voraussetzung ausreichend, um der globalen Linken anzugehören.
[…]
Niemals könnte ich ein Bündnis mit einer egal welcher Person oder Gruppe eingehen, die antisemitisch, gewalttätig, rassistisch, homophob oder sexistisch ist.
[…]
Dennoch: Warum habe ich die Frage beantwortet? An diesem Abend, an dem Bomben auf Südlibanon fielen, machte ich mich in meiner Rede für Gewaltfreiheit stark (diesen Teil sieht man im Yahoo-Clip bequemerweise nicht). Just als ich die staatliche, von Israel ausgehende Gewalt kritisierte, wies ich darauf hin, dass auch die Bewegungen, welche die Selbstbestimmung der Palästinenser unterstützen, gut beraten wären, ebenfalls auf gewaltfreien Widerstand und gewaltfreie Mobilisierung zu setzen.“

Was Judith Butler offensichtlich verborgen bleibt, ist die einfache Tatsache, dass die an ihr geäußerte Kritik sich – zumindest in Großteilen – nicht durch die Gewalttätigkeit von Hamas & Hisbollah speist. Sie setzt mit ihrer ‚Antwort‘ eine Ebene zu niedrig an, sieht nicht die Möglichkeit, dass die Kritik grundsätzlicherer Form ist. Sie sieht nicht, dass die Kritik sich nicht auf die Aktionsformen von Hamas & Hisbollah, sondern auf deren zerstörungswütigen Hass auf Israel, ihren Antisemitismus (von ihr schamlos als Antiimperialismus bezeichnet) bezieht, der ihr selbst nach wie vor kein Kopfzerbrechen zu bereiten scheint – im Gegenteil: Sie nennt sie progressiv. Sie scheut sich nicht, die beiden Gruppen als links zu bezeichnen, was viel über die heutige Verfassung der von ihr so mantrahaft bemühten globalen Linken aussagt.
Ihr scheint schleierhaft zu sein, dass ihre Unterstützung von Boycott, Divestment and Sanctions im Zusammenhang mit dieser Aussage ein relativ klares Bild formt, dass Anlass zu Kritik und zu der Forderung ihr diesen – ausgerechnet nach Theodor W. Adorno benannten – Preis zu verwehren gibt.
Was für sie links ist, was für große Teile der globalen Linken links ist, hält sich längst nichtmehr mit der Frage auf, ob Israel zu bekämpfen ist – man (hier Judith Butler) beschäftigt sich längst nur noch mit dem wie.
Folgerichtig kommt sie nicht auf die Idee, dass es problematisch sein könnte, israelfeindliche Gruppen als links zu bezeichnen. Gewaltbereite Gruppen, ja. Sie distanziert sich. Von der Gewaltbereitschaft. Homophobe Gruppen, ja. Sie distanziert sich von der Homophobie. Antisemitisch, ja. Sie distanziert sich vom Antisemitismus – Schließlich ist man bekannterweise längst kein Antisemit mehr, man definiert sich als Antizionist.
Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass die Ebene und Dimension der Kritik an ihrer Äußerung und Person ihr unverständlich bleibt.

Traurigerweise muss stehen bleiben, dass – entgegen dem ersten Eindruck – Butlers Äußerung auf ihre Art und Weise durchaus Richtigkeitsgehalt aufweist.
Allein, dass sie mit ihrer Ansicht innerhalb der globalen Linken nicht allein steht, macht ihre Aussage über diese Linke stückweise wahr und die Frage, ob es erstrebenswert ist, als Teil dieser Linken zu gelten, noch dringlicher, als sie schon lange ist.

(1) Matthias Küntzel: ‚Butler rennt‘
(2) vgl. (1)


0 Antworten auf „Hamas, Hisbollah, Butler & ‚die globale Linke‘“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben − = vier