Kritik vs. Polemik II – ‚Super deutsch‘.

Im Umfeld der gerade zu Ende gegangenen Fußball-Europameisterschaft der Männer befassten sich Medien verschiedenster politischer Ausrichtung mit der Thematik des Party-Patriotismus. Viele von den Artikeln sind interessant und – teilweise überraschend – kritisch. Daneben stehen selbstverständlich auch einige, die sich dem objektiven Umgang mit der Thematik nach wie vor verweigern. Besonders einer von ihnen – Ulf Poschardts „Super deutsch“, veröffentlich auf Welt Online – schreit förmlich nach einer Richtigstellung. Der Versuch allerdings, dem Artikel inhaltlich in Form einer ‚Antwort‘ kritisch zu begegnen, scheitert. Zuviele polemisch dargestellte schlicht falsche Behauptungen und Unterstellungen in Verbindung mit einem sich offenbarenden absolut schiefen Welt- und Gesellschaftsbild würden dazu führen, dass die Veröffentlichung eines Antworttextes in Buchform sinnvoller wäre, als in Form eines Blog-Artikels. Dennoch kann Ulf Poschardt – in aller Kürze – etwas erwidert werden. Die Kritik an seiner Darstellung ist grundsätzlich, sie bezieht sich auf das eben erwähnte Gesellschaftsbild, dass sich in seiner Publikation manifestiert.
Poschardt ordnet moderne linksradikale Kritik ohne mit der Wimper zu zucken in die Tradition des ‚todernsten‘ Marxismus der 80er Jahre ein. Die Botschaft ist klar: Wer die nationale Euphorie kritisiert, versteht keinen Spaß, kann und will nicht feiern, ist ein Miesepeter. Schlicht und einfach vollkommen ignoriert wird der Inhalt der Kritik. Auf diesem Niveau – Kritikabwehr durch Angriff auf den Kritiker – bewegt sich Poschardts gesamter Text. Er zeichnet das Bild von ‚Besserverdiener-Kids‘, die einem – scheinbar völlig dumpfen, denk- und reflexionsunfähigen – ‚Proletariat‘ den Spaß an Deutschland nicht gönnen. Abgesehen davon, dass sich der Deutschland-Hype dieser Tage absolut nicht auf ‚proletarische‘ Kreise beschränkt, sondern eben auch ‚Besserverdiener-Kids‘ mitreißt, zeigt Poschardt, welch seltsames Klassenbild seine Sicht auf die Gesellschaft bestimmt: ‚Der Proletarier‘ als Spielball einer Oberschicht, von deren Gutdünken abhängig ist, ob er seine – ihm scheinbar grundsätzlich innewohnende – Liebe zu Deutschland nach außen zu tragen darf, oder nicht. Dass Poschardt nicht versteht, warum die ‚Grüne Jugend‘ den nationalen Hype mit ‚Turnvater Jahn‘ und dem ‚1. Weltkrieg‘ in Verbindung bringt, mutet dagegen fast schon verzeihbar an. Dennoch: Dass nationale Symbolik in Zusammenhang mit den Ereignissen, die die betroffene Nation hervorgebracht hat und hervorbringt, gebracht wird, sollte für jemand, der der Meinung ist, sich zur Thematik äußern zu können, nicht allzu schwer sein. Zusammengefasst – und im Bewusstsein, auf die meisten Einzelheiten nicht eingegangen zu sein – ist Poschardts Polemik schlicht und einfach ein Erzeugnis der oben schon erwähnten, für sich sprechenden Grundannahmen, denen er anzuhängen scheint. Ein weniger überheblicher Tonfall würde möglicherweise zu freundlicherem Umgang mit ihm und seiner Publikation führen. Auf dem gegebenen Niveau allerdings bleibt nur zu sagen: Polemik ist wunderbar, wenn sie gut ist, aber genauso fürchterlich, wenn sie, wie in diesem Fall, schlecht ist. Und Ulf Poschardt? Nur ein weiterer Publizist, den die Welt nicht braucht.


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