Gutgemeinte Vergangenheitsbewältigung.

Der in jüngerer Vergangenheit aufgrund des Vorwurfs der Verharmlosung der Shoa, seines exzessiven Antikommunismus und seiner Miturheberschaft der ‚Prager Erklärung‘ Objekt der Kritik gewordene deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besucht Israel und dort, wie jeder offizielle Staatsgast zu Beginn seines Besuchs, die Gedenkstätte Yad Vashem. Wie jeder offizielle Besucher trägt auch er sich dort ins Gästebuch ein. Sein Eintrag ist ungewöhnlich ausführlich, er richtet sich, in gewisser Hinsicht an eine Predigt erinnernd, auf mahnende Weise direkt an den Leser:

„Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: Die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern – wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer. Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer – wie viele kennst du? Namen der Täter – deutsche zumeist – Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen. So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.

Joachim Gauck“

Man kann Joachim Gauck, sosehr es selbstverständlich seiner obligatorischen Pflicht als Oberhaupt des deutschen Staates entspricht, nicht absprechen, sich Mühe gegeben zu haben. Man kann ihm positiv unterstellen, ein Zeichen setzen zu wollen. Ein Zeichen der Solidarität mit Israel – „Und steh zu dem Land […]“ – ein Zeichen möglicherweise auch gegen die Kritik an seiner Person, die sich auf sein Verhältnis zum Gedenken an die Shoa bezieht. Explizit drückt er aus, welche Bedeutung er diesem Gedenken zumisst – „[…] sollst du wiederkommen.“. Er appelliert an den Leser, mahnt zum Gedenken, fordert auf, „mit[zu]fühlen“, zu „trauern“ – und, hoppla, „mitzuleiden“. Hier, an diesem einen Wort manifestiert sich – wohl unbewusst und sicherlich ohne jede böse Absicht – ein zutiefst deutsches Bedürfnis: Gauck will, Deutschland will mitleiden. Das Tätervolk will endlich auch zu den Opfern zählen und mit deren Nachkommen, mit Israel gemeinsam das schrecklichste Ereignis der Geschichte betrauern und darunter leiden. Deutlich offenbart sich der unterbewusste Wunsch, die Grenzen zwischen Opfern und Tätern endlich verschwimmen zu lassen. Dass es faktisch nicht möglich ist, mit den Opfern zu leiden, ist irrelevant. Endlich sollen die Nachfahren der Täter nun in Eintracht mit denen der Opfer leiden und die Geschehnisse des Nationalsozialismus voller Unverständnis und Abscheu betrachten. Joachim Gauck und Deutschland solidarisieren sich in aller Deutlichkeit mit den getöteten Juden. Mit Sicherheit ehrlich gemeint solidarisiert sich Gauck direkt danach, wie oben schon erwähnt, auch mit dem in Folge der Shoa entstandenen Staat Israel. Später, nach seinem Besuch der Gedenkstätte und bei anderer Gelegenheit geht er noch weiter, distanziert sich ausdrücklich auch von Günter Grass („Was gesagt werden muss“). Er geht zwar nicht ganz so weit, wie vor einiger Zeit Angela Merkel, lässt jedoch an seinem Standpunkt keinerlei Zweifel aufkommen. Zwar kritisiert er – in guter deutscher Manier – die israelische Siedlungspolitik, steht aber mit seinem Vorschlag einer Zwei-Staaten-Lösung noch auf einigermaßen sicherem Terrain. Der realitätsferne Charakter der Vorstellung einer friedlichen Koexistenz zwischen einem Hamas-regierten Staat Palästina und Israel und der Annahme, dass mit dieser Lösung alle Probleme behoben wären, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Auch Gaucks Standpunkt, dass die israelische Siedlungspolitik Grund der Schwierigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung sei, scheint ziemlich weit hergeholt.

Im Großen und Ganzen muss man ihm aber – bisher – zugutehalten, dass er sich tatsächlich Mühe gibt, die sensible Situation zu meistern. Sicherlich ist ihm kein böswilliger Antisemitismus, keine absichtliche Relativierung der Shoa zu unterstellen. Dass er dennoch, wie beschrieben, alte deutsche Bedürfnisse äußert, ist wohl kaum als bewusster Akt zu sehen, ist allerdings definitiv bezeichnend. Die Frage des etwaigen, sich in der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sozialismus/Stalinismus manifestierenden unterschwelligen Antisemitismus ist eine schwierigere und keinesfalls mit einem klaren ‚Nein‘ zu beantwortende. Das einzige, was Gaucks Verhalten und seine Äußerungen bei seinem Besuch in Israel deutlich machen, ist, dass sich in dieser Hinsicht an der Oberfläche nichts findet. Wer nicht tiefer gräbt und genauer analysiert, sondern bei direkten Aussagen zur konkreten Thematik stehenbleibt, und sicherlich auch Gauck selbst, findet bei Joachim Gauck ernstgemeinte Solidarität mit den toten Juden und, wohl als Folge dessen, auch mit den lebenden. Dass sich diese primär aus der Problematik der eigenen, deutschen Vergangenheit und der Bewältigung derselben ergibt, ist klar.

Wie problematisch das stückweise Verschieben der Realität und der Vergangenheit durch Kleinigkeiten wie Gaucks „mitleiden“ allerdings ist, steht auf einem anderen Blatt.


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